Thunder Bay – Nipigon

im Hostel mache ich mich langsam fertig, die Gastgeber sind ausgeflogen und haben einen Zettel hinterlassen, dass sie diverse Sachen erledigen müssen. Dazu einen 50$ Schein, mit der Bitte an einen Curtis, den Erhalt zu quittieren. Ich schaue mich noch im Garten um und sehe diese alten Räder rumstehen.


Gefällt mir natürlich besser, als das Auto mit dem HOSTEL-Kennzeichen.


Im „Vorgarten“ steht, ganz hostel-typisch, ein solcher „Richtungsbaum“ mit allen möglichen Städten drauf.

Stuttgart ist auch dabei.

Dann kommt Curtis vorbei und frühstückt erstmal gemütlich. Es stellt sich heraus, dass er sich hier um den Rasen kümmert. Er hat eine Mütze von dem Radladen an, bei dem ich gestern war. Die Familien kennen sich angeblich ganz gut, die Welt ist ja auch klein. Als ich fast fertig bin mein überall verteiltes Zeug (damit es trocknen kann) zusammen zupacken, fällt mir ein, dass das Zelt ja auch noch dran ist, das trocknet (hoffentlich) alleine draußen. Gegen Mittag dann tatsächlich Abreise, natürlich wieder gegen den Wind. Mir wieder fast egal, da ich heute sowieso nur ca. 85km nach Nipigon fahren will. Der Wind ist noch stärker als die Tage davor angekündigt (<30km/h, mit Böen bis zu 50km/h). Ich fahre los und habe die ersten Kilometer wenigstens keinen Highway, sondern nur eine normale Straße. Wenigstens etwas. Danach dann der Terry Fox Courage Highway, #11 und #17 zusammen, entsprechend viel Verkehr, was die Reise nicht gerade gemütlicher macht.

Am Himmel türmen sich schon wieder große Regenwolken, was auf dem Bild aber nicht zu sehen ist: da in der Ferne sind noch zwei Radler! Auf einmal ist da eine große Motivation – die will ich auf jeden Fall einholen!

Das habe ich kurz drauf auch geschafft und es stellt sich heraus, dass es Ward ist! Er hat noch eine Laura eingesammelt und wir fahren heute mal zu dritt weiter. Er ist eigentlich bisschen fertig und will schon viel früher anhalten. Die ersten beiden Campingplätze gefallen ihm aber nicht so gut, die anderen beiden auf unseren Karten scheint es nicht mehr zu geben. Wir nähern und langsam Nipigon und es gibt hier ein solches Werbe-Schild, auf dem für den kleinesten Laden dieser Kette in ganz Kanada geworben wird.

Das verdeutlicht die Abwesenheit von allem möglichen in der Gegend hier ziemlich gut, wie ich finde. Die beiden steigen dann an einem Campingplatz ca. fünf km vor Nipigon aus, ich bin froh über Ziviliation und fahre in das Städtchen (mit 1610 Einwohnern). Dort weiß ich, dass ich im Park bei ihrem kleinen Hafen günstig zelten (11$) kann. Trotzdem halte ich noch an der Touristen-Information an und lasse mir das alles nochmal bestätigen und mache noch ein bisschen Small-Talk über’s Wetter und so. Es stellt sich heraus, dass heute Abend bis 18:00 ein großes Spagetti-Essen in der lokalen Kirche ist. Das hört sich doch nach einem guten Plan an, auch wenn es bereits 17:35 ist und ich noch ca. 4km fahren muss. Ich schaffe es noch rechtzeitig und falle in meinem Radler-Dress unter all den recht alten und sehr jungen Gästen ziemlich auf. Es gibt einige, die sich zu mir an den Tisch setzen und mit mir quatschen wollen – ich will (nachdem ich den ganzen Tag noch nix zum Essen hatte) hauptsächlich essen. ;~)

Ich esse mich mit Spagetti und Salat satt, am Ende gibt es noch Eis dazu. Weil ich als einer der letzten noch am Tisch sitze, kommen einige Helfer dieser Veranstaltung zu mir und leisten mir nun Gesellschaft. Jetzt habe ich auch mehr Zeit zum Quatschen und auf einmal kommt auch noch ein leckerer Blaubeerkuchen auf den Tisch, von dem ich mir gerne nehmen durfte. Als ich gehen will, kriege ich noch den Rest vom Apfelmus mit und ein paar Scheiben selbst gemachtes Brot (nachdem ich davor erwähnt habe, dass ich das hier in Kanada echt vermisse). Sieht so aus, als ob das mein morgiges Frühstück wird.

Am Zeltplatz angekommen baue ich mein Zelt zwischen den ganzen Gänse-Hinterlassenschaften direkt am Nipigon Fluß auf. Zwischendurch kommt Don, die Besitzerin des lokalen Yoga-Studios vorbei und will mich zum morgigen Tanz einladen, da bin ich aber schon wieder weg. Sie nennt mir die Adresse in einer Stadt, etwa 120km östlich, wo ich vorbei kommen werde. Gerne dürfte ich auf diesem Grundstück (mehr gibt es dort nicht) übernachten, wenn ich will, es gäbe auch einen einfachen Zugang zu einem tollen Strand am Lake Superior. Ich bedanke mich artig, sage aber, dass ich noch überhaupt keine weiteren Pläne habe, dies aber gerne berücksichtige. Mal sehen, was die anderen beiden (die dürfen natürlich gerne mitkommen!) so darüber denken.
Als ich fertig bin, kommt noch eine andere Radlerin vorbei. Joana radelt in die andere Richtung und wir reden ein bisschen über unsere Strecken, damit der/die andere weiß, was ihn/sie so erwartet. Danach gehe ich gegen neun Uhr in die „Legion“, das Vereinsheim der Veteranen, und schaue mir eine nicht besonders gute Cover-Band an. Der Nebentisch voll besetzt, ich spiele ein bisschen am Telefon rum und will mir die Bilder von heute anschauen und etwas zurecht bearbeiten. Da kommt die Präsidentin von diesem Verein vom Nebentisch zu mir und sagt, dass ich nicht alleine sitzen müsse und rüber kommen soll. Nagut, mache ich das halt – Konversation ist allerdings schwierig, da die Band doch recht laut ist und weder der Raum noch die Sitzordnung fürs Reden ausgelegt sind (dazu ein paar Verständnisprobleme meinerseits, z.B. habe ich statt „What’s your first name?“ verstanden: „What’s your birthday?“) und hier und da bestimmt entsprechend komisch geschaut und geantwortet….

Die Präsidentin Lavina fragt mit, ob ich Nipigon Nylons kenne und ich frage nur, ob es etwas zum Essen ist. Nein, sie holt es jetzt mal schnell von zuhause(!). Vielleicht 15min später kommt sie wieder mit: Socken. Richtigen und kleinen, die ich an den Autospiegel oder Christbaum hängen könnte. Was ich denn besser auf dem Rad transportieren könne? (ja, auch diese Leute waren beim Spagetti-Essen, ich bin vermutlich inzwischen bekannt wie ein bunter Hund hier)
Bevor ich mich entscheiden kann, wird mir diese abgenommen: die richtigen Socken wären doch das nützlichste, schließlich braucht jeder täglich Socken. Stimmt.
Dazu kriege ich noch einen blauen „Nipigon Hike“ Buff und einen kleinen Nipigon-Ansteckpin geschenkt.

Mit all dem hätte ich heute natürlich nicht gerechnet und meine Motivation für die weitere Reise kommt so langsam wieder zurück! Dazu ein Abend, an dem ich mich nicht vor den Mücken im Zelt verkriechen musste.

Mein Zelt stand unterdessen mehr oder weniger alleine auf dem Zeltplatz, alle Taschen und sonstige Besitztümer darum verteilt. Das ist hier, wo selbst der Baumarkt (in einem 1600-Seelen Dörfchen, 100km von der nächsten Großstadt entfernt) selbst nach den Öffnungszeiten seine Waren direkt vor der Türe lagert, auch bestimmt kein Problem.

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