Wilhelmshaven – Leer

nach dem Top-Wetter der letzten Tage sieht es heute wieder nicht so gut aus. Ich kriege von einem Einheimischen gesagt, dass meine angedachte Strecke (bis Leer, immer am Wasser entlang) vielleicht 80km lang ist, also mache ich mal gar keine Hektik.
Als ich dann los fahre, begegnet mir gleich wieder so ein „Radweg aus der Hölle“. Den ignoriere ich natürlich, er sieht ganz danach aus, als ob er da hinten sowieso nur in die Büsche geht.

Wie in Stuttgart auch, gibt es hier beim Riesenprojekt „JadeWeserPort“ auch ein Info-Center. Ich kenne mich mit der ganzen Planung und Umsetzung davon nicht so gut aus, bei S21 gibt es tatsächlich auch Leute, die sich deutlich besser auskennen; jedoch weiß ich genug, um es als Schwachsinns-Projekt bezeichnen zu können. Ob das hier im Norden auch der Fall ist, bzw. war, kann ich nicht sagen. Auf jeden Fall haben sie es geschafft, den Hafen schon seit ein paar Jahren fertig zu haben, das wird mit S21 wohl noch ein paar Dekaden dauern (falls es jemals fertig wird).

Und wie schon beinahe zu erwarten, erwischt mit der Regen, zumindest fast. Vermutlich die einzige Brücke kilometerweit rettet mich davor, nass zu werden.

Nach über 10.000km ohne Klick-Pedalen bin ich jetzt auch mal wieder mit unterwegs. In Wilhelmshaven habe ich doch überraschend eine Radgeschäft gefunden, das Radschuhe verkauft. Dieses Modell wäre jetzt nicht unbedingt meine erste Wahl gewesen – aber gut, der Spatz in der Hand….
These boots are made for cycling!
Und damit, in Verbindung mit dem leichten Rückenwind und dem flachen Land, macht das Radeln gleich mal wieder etwas mehr Spaß. Ich hoffe jetzt nur, dass ich es als Wiedereinsteiger nicht mal vergessen und an einer Ampel (o.ä.) langsam damit umkippe.

Der Regenschauer war nur kurz und hat danach auch wieder aufgehört.
Die triste Aussicht bleibt jedoch und macht das sehr leere und ruhige Industriegebiet um den JadeWeserPort nicht gerade ansprechender. Klar, es ist Sonntag, aber dass da fast überhaupt gar nichts los ist, wundert mich schon ein bisschen.


Deiche, die einzigen Berge, die es hier gibt. Blöd nur, dass alle paar Kilometer so ein Gatter da ist, bei dem ich absteigen muss. Mit den Schuhen klappt das zwar, aber es stört halt trotzdem das gemütliche Vorankommen, wenn man ständig bremsen, anhalten und dann wieder beschleunigen muss.

Nach etwa 90km komme ich dann in Norden an, das ist ca. die Hälfte der Strecke und ich frage mich, wie gut der Einheimische die Strecke wohl kennt. Ich entscheide mich für den direkten Weg und verlasse den Weg am Wasser. Die nächste Stadt ist Emden, wo ich zuerst einen stationären Blitzer sehe, der direkt auf dem eigentlich benutzungspflichtigen Radweg steht. Ich bin immer noch dabei, Radwege in Städten konsequent zu ignorieren, solange sie nicht den Eindruck machen, dass sie super sind. An dem Blitzer rausche ich einfach so vorbei, ohne für ein Foto anzuhalten. Bei diesem Schild dann war ich etwas langsamer und habe es mal fotografiert. Laut StVO gibt es so ein Schild mit Fahrrad und Pfeil nicht, es zeugt nur wieder von der Kreativität der Stadtverwaltungen, was sie sich alles einfallen lassen können, um den Radfahrern zu sagen, was sie zu tun haben.
Nebenbei: dies Foto habe ich auf getwittert und die lokale Polizei davon in Kenntnis gesetzt. Sie haben kurz darauf geantwortet, dass die Stadt Emden das Schild überprüft hat und es tatsächlich entfernen will. Das verwundert mich als Stuttgarter doppelt:
Erstens würde „unsere“ Polizei niemals in so einen Dialog mit den Bürgern gehen, und wenn, dann höchstens in dem Stil „natürlich ist das Schild dort korrekt, wie kommst du einfacher Bürger nur darauf, dass es nicht stimmen könnte“ (zumindest ist meine Erfahrung so).
Zweitens kriegt die Stuttgarter Stadtverwaltung überhaupt gar nichts innerhalb von wenigen Stunden geprüft, da dauert das alles Monate oder gar Jahre. Es gibt z.B. einen benutzungspflichtigen Radweg, der für alle Personen sehr offensichtlich nicht benutzungspflichtig sein kann (Schäden und viel zu eng), die Stadt prüft das jedoch schon seit 2016 (!). Da fällt dir echt nix mehr ein.

Wieder aus Emden raus, wird man natürlich wieder auf einen Radweg geschickt. Dies ist sogar ein Zweirichtungs-Radweg, d.h. hier kommt auch noch Gegenverkehr dazu. Wie man sehen kann, ist es nicht gerade ein Raumwunder und die darauf geparkte Tupperware-Karre macht die Situation natürlich kein Deut besser.

Endlich komme ich dann nach etwa 160km im Leer an und habe offenbar viel Glück, dass ich in der lokalen Jugendherberge noch ein 45€ teures Bett kriege (in einer Jugendherberge!). Es ist das einzig freie Doppelzimmer, das ich auch komplett bezahlen muss. Hier ist gerade das „Landesposaunenfest“ (was es alles gibt), daher ist alles andere ausgebucht. Dafür höre ich ständig irgendwelche Posaunenlieder durchs Fenster schallen, glücklicherweise beherrschen die Leute ihre Instrumente.
Auf dem Weg zum Einkaufen komme ich dann noch an diesem Gedenkstein vorbei. Wie Vancouver haben sie hier wohl auch in den 60er-Jahren mal geplant, eine große Durchgangsstraße durch die Stadt zu legen, aber scheinbar diese Pläne wieder begraben. Vielleicht schaue ich, ob ich mir die Geschichte dazu irgendwann mal erzählen lasse.

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