Reefton – Greymouth

vor dem Hostel steht diese Bank, auf der schon einige Personen ihre Heimatstadt hinterlassen haben. Stuttgart habe ich nicht gefunden, aber mir fällt da doch glatt wieder die Geschichte aus einem anderen Hostel ein. Eines dieser Teenager-Mädels fragte so rum, woher denn die Leute kommen und als ich „Stuttgart“ sagte, meinte sie etwas überheblich, dass die meisten, die „Stuttgart“ sagen, ja gar nicht von dort kämen, sondern von irgendwelchen kleinen Käffern irgendwo in Baden-Württemberg. Ich sagte dann einfach nur „Stuttgart-West“ und konnte sehen, wie sie Mühe hatte, dass ihr Kiefer nicht einfach runterklappte, damit hatte sie wohl nicht gerechnet und versuchte ihr „Esslingen“ (bzw. das ihrer Eltern) damit schön zu reden, dass sie ja auch in 20min mit der S-Bahn in Stuttgart sei. Ich wusste nicht mehr allzu viel zu diesem Gespräch beizutragen und sagte nur, dass ich das weiß und es zum Hauptbahnhof eigentlich sogar nur 17min sind.
Aber gut, ich bin ja im Urlaub und muss mich nicht um die Erziehung der freilaufenden Kinder hier kümmern.
200m nach dem Hostel steht noch ein Reiseradler rum. Es ist Eric aus Holland, der schon seit fast drei Stunden unterwegs ist. Also fahren wir jetzt mal zu dritt weiter. Erst auf dem Highway 7, in der guten Stunde sind uns vielleicht 20-30 Autos begegnet. Josef meinte, dass es schon etwas viel Verkehr hatte – ich kenne vermutlich keine Straße in Deutschland, auf der weniger los wäre. Am ersten Hügel hängen wir Eric ungewollt ein bisschen ab, weil wir nicht richtig aufpassen. Als er uns wieder eingeholt hat, hören wir, dass er offenbar Musik aus einem ca. flaschengroßen Bluetooth-Lautsprecher zur Motivation dabei hat. Er spielt gerade Ramstein „We’re all living in America, America ist wunderbar“. Ob er es extra auf uns abgestimmt hat (ich als Deutscher und Josef, der teilweise in den USA aufgewachsen ist) oder eher Zufall ist, habe ich nicht erfragt. Josef kannte mit seinen 19 Jahren Ramstein zumindest nicht. Danach kamen noch ein paar Ramstein Songs, bevor er eher vernünftige Musik (z.B. REM) abspielte.
Wer jetzt einwendet, dass es ja gar nicht so heiß sein kann, weil Josef eine lange Jacke anhat, der irrt. Er will sich keine Sonnencreme leisten und fährt daher in einem langen Jäckchen rum (vielleicht sollte ich hier eher Jeck’chen schreiben).
Auch heute geht es wieder in einem Flusstal entlang und wir nehmen nach dem Highway sogar noch eine Nebenstraße, auf der sogar noch weniger Verkehr ist. Zeitweise sind wir gemütlich zu dritt nebeneinander gefahren. Und auch als wir nur zu zweit nebeneinander fuhren, wurden wir heute zu dritt nicht angehupt oder knapp überholt, was alleine oder zu zweit durchaus öfters passierte. Alle Autos hielten sehr guten Abstand zu uns. Das ist wohl diese „Safety in Numbers“, von der immer wieder gesprochen wird.

Als wir von einem Traktor überholt werden und ich gerade in der Mitte fahre, entscheide ich mich spontan dazu, jetzt einen Mini-Sprint hinzulegen, um in dessen Windschatten zu kommen. Mit 35-40km/h geht es dann 10cm hinter diesem Traktor weiter (auf dem Foto ist bisschen mehr Abstand, weil ich ja mit einer Hand fahren konnte und mit der anderen das Smartphone bedienen musste). Eric hat es auch geschafft, Josef traut sich nicht so recht und strapelt sich, vermutlich mit sehr viel wenig Windschatten, hinter uns einen ab. Nach 2km ist das Vergnügen leider schon wieder vorbei.

Ansonsten machen wir auch anderen Quatsch, wie unsere Räder zu tauschen. Josef hatte schon öfters mal angemerkt, dass er mein Rad so toll findet und ich lasse ich dann mal solange damit fahren, bis er an einem Hügel vom Gewicht der Taschen genug hat. Sein Rad ist sehr leicht gepackt, vor allem, weil es die Hälfte seines Gepäcks sogar noch in einem Rucksack mit sich trägt. Mal sehen, wann er diese Episode in sein Video-Tagebuch einarbeitet.
Und ich denke mir, dass ich für kommende Urlaube auch nur mit so wenig Gepäck unterwegs sein werde. Davon merkt man fast nichts auf dem Rad und vielleicht schaffe ich es ja nochmal von Trondheim aus (oder gar noch weiter nördlich) wieder zurück zur Zivilisation zu radeln….

Irgendwo fährt dann dieser Mähdrescher durch einen Fluss, den zugehörige Traktor konnte ich leider nicht einholen, da hier gerade ein Hügel war. Wie halt immer, nach einem Fluss. Nachdem es steil runter in das querende Flusstal geht, geht es über eine Brücke und danach wieder rauf, meist steil. Ich habe auch einen größeren Stein zwischen den Zwillingsreifen des Traktoren klemmen sehen und wollte den nicht gerade um die Ohren fliegen haben.
Tatsächlich lag dieser Stein, kindskopfgroß, wenig später mitten auf der Straße. Obwohl ich ja wenig Sympathien für Autofahrer habe, habe ich sogar angehalten und den Stein neben die Straße geschmissen. Wenn ich dafür nicht mal einen Orden verdient hätte.

Bei einer kleinen Pause an einer Kuhweide haben sich die Viecher dazu entschlossen, uns mal näher anzuschauen. Als wir das auch machen wollten und zum Zaun gingen, hatten sie dann doch etwas Angst oder Respekt und haben sich wieder etwas von uns entfernt.
Nagut, bei mir darf ja jede/r machen, was er/sie will.

Kurz vor Greymouth trennen sich unsere Wege, Josef fährt 8km nach Norden zu einem Couch-Surfer, Eric will (muss) noch weiter fahren. Er hat einen sehr straffen Plan, der ihm 130km täglich vorschreibt, sonst wird das nichts mit seiner Tour. Ich glaube, eine Radtour ohne festen Zeitplan ist der beste Tipp, den ich den Leuten geben könnte. Von all den „Problemen“, die ich von anderen Radfahrern hörte, war der Stress, zu einem bestimmten Tag an einem bestimmten (und eigentlich viel zu weit entfernten) Ort zu sein, das meiste genannte, bzw. das, mit den negativsten Auswirkungen.

Ich bleibe einfach hier in der Stadt und genehmige mir mal wieder etwas zum Essen. Die Bedienung wollte mir diese großen Pommes ausreden, weil es eine echt große Portion sei. Ich meinte nur, dass ich Radfahrer bin und die Pommes gar nicht groß genug sein könnten. Sie kuckt zwar komisch und sagt dann noch, dass sie aber wissen will, ob ich es geschafft haben werde.
Als sie abräumt, ist sie etwas erstaunt und ich sage ihr, dass ich jetzt in der Stadt noch einen Nachtisch besorgen werde.

Ob ich morgen dann diesen West Coast Wilderness Trail fahre, muss ich noch überlegen. Ich weiß schon, dass ich den Umweg über 90km ins nächste Dorf über einen Sattel bestimmt nicht fahren werde, auf dem Highway sind es 40km; aber da kann man ja nicht fahren, werden sie mir morgen wohl auf der Touristen-Information sagen. Ansonsten bin ich hier in recht einsamen Gebiet. Die nächsten zwei/drei Tage muss ich wohl jede Möglichkeit zum Einkaufen nutzen und hier und da auch mal wild zelten. Dazu kommt noch eine Schlechtwetterfront an, die Ausläufer eines Zyklons werden hier mit viel Wind und Regen erwartet. Wieso kann es hier nicht einfach ein gemütliches, normales Wetter haben, sondern die ganze Zeit solche Extreme?

Relive ‚teilweise zu dritt im und am Flusstal entlang gefahren‘

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