über Radwege in Stuttgart

auf twitter brachte ich heute in einer Diskussion die Stuttgarter Heilbronner Straße ins Spiel. Das ist ein Bundesstraße (B27), die mit jeweils zwei Spuren in jede Richtung den Stuttgarter Norden mit dem Zentrum verbindet, dazwischen führen noch Schienen der Stadtbahn.
Auf dieser Straße soll man nach Wunsch der Stadt Stuttgart vermutlich nicht mit dem Fahrrad fahren, daher ist zumindest in Richtung Stadt-auswärts ein benutzungspflichtiger Radweg in beide (!) Richtungen angeordnet. Das wurde mir nicht geglaubt und mit alten google Streetview-Bildern versucht, meine Aussage zu widerlegen. Also habe ich heute die Kamera geschnappt, mich aufs Rad gesetzt und berichte von dort.

Auf dem Weg dorthin gibt es schon die erste Überraschung. Die Radführung von mir aus dem Stuttgarter Westen führt mich auch wieder entgegen der Fahrtrichtung auf einem Fuß-/Radweg. Als eine Baustelle auf diesem Weg ist, hat die Stadt Stuttgart offenbar extra noch ein zweites Schild aufstellen lassen, das mich rechtlich zwingt, diesen Weg zu benutzen – obwohl ich wenige Meter weiter schon das Fußweg-Schild sehe, natürlich ohne ein „Fahrrad frei“ Schild.
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Wenn ich dann illegal doch diese Rampe hochfahre, sehe ich sofort direkt am Ende der Rampe wieder ein Schild, welches mich danach wieder zwingt, in dieser Einfahrt/Bucht mit dem Rad zu fahren – und bloß nicht auf einer evtl. sogar besser geeigneten Straße nebenan.
Wo ist denn bitte der Sinn dahinter?!
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Dass ich am Müllaneo nicht geradeaus weiter auf der B27 weiterfahren darf, weiß ich schon, also nehme ich die offizielle Fahrrad-Umleitung etwas „oberhalb“ in der Türlenstraße. Hier wurde extra ein kleiner Fahrrad-Abbiegestreifen auf die Straße gemalt, auf dem ich warten kann, bis auf der zweispurigen Straße endlich mal kein Auto kommt (und – viel gefährlicher – auch kein geparktes Auto, welches ebenfalls auf freie Fahrt warten könnte und gleich aus seiner Parklücke rausschießt). Diese offizielle Umleitung führt mich auf einen Fußweg! Nochmal: Ein Fußweg, der dazu noch durch den Park des Krankenhauses führt, das direkt nebenan ist.
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Naja, dass es nicht einfach wird, hatte ich schon erwartet. Hier nun also der erste Beweis, dass die Heilbronner Straße tatsächlich mit dem Rad in der Gegenrichtung auf dem Bürgersteig zu befahren ist. Dass da eine Bushaltestelle, eine Tiefgaragen-Ausfahrt und ein Hotel-Ausgang ist, war den Radweg-Planern offenbar völlig egal.
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Wenn ich mich nun umdrehe, sehe ich eine meiner allerliebsten Radweg/Fußweg-Schild-Kombinationen: Erst die Anordnung eines benutzungspflichtigen Radwegs, und dann etwa vier Meter später wird dieser achsogute Radweg auf einmal zum Fußweg.
Voilá – Hut ab vor so viel Dreistigkeit, Stadt Stuttgart!
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An der nächsten Kreuzung der nächste Beweis, dass man diesen Bürgersteig tatsächlich in der Gegenrichtung befahren muss.
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In die andere Richtung geschaut, sieht es nicht viel besser aus. Wenn ich mir überlege, dass ich hier Rad fahren würde und auf dem Weg noch Fußgänger und andere Radfahrer unterwegs sind, wird es ganz schön eng (während auf der Straße nebenan viel Platz übrig wäre). Ich habe mal ein Maßband auf 1,5m aufgezogen und auf den Boden gelegt. Es passt genau zwischen diesen Mast und den Bordstein. Anderthalb Meter Platz für Fahrradfahrer und Fußgänger in beide Richtungen!
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Ja, auch dieser Weg ist immer noch in der Gegenrichtung zu befahren, so sieht’s von der anderen Seite aus.
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An der nächsten Kreuzung das gleiche Bild, wieder ein Schild, was diesen Bürgersteig als benutzungspflichtigen Radweg definiert. (Merkt Euch den gelben Pfeil.)
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Weiter geht’s, zur nächsten Kreuzung. Auch hier das selbe Bild. Anzumerken ist vielleicht noch, dass man hier schon eine Stadtbahn-Haltestelle sieht. Auf der linken Seite sind einige, recht große Büro-Gebäude. Ich kann mir gut vorstellen, dass zur Rush-Hour hier einige Fußgänger unterwegs sind, von denen vielleicht sogar noch welche kopflos probieren, zu ihrer Bahn zu rennen.
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Und dann kommt eine Stelle, die ich auf den ersten Blick so gar nicht erkannt habe:
links von mir ist eine Straße, auf der Autos auf diese Bundesstraße (rechts) einbiegen können, wie es dieses schwarze Auto gerade macht. Beim dorthin fahren sehen sie, ob die Straße frei ist oder nicht. Bei einer „gerade noch freien“ Straße kann ich mir gut vorstellen, dass der normale Autofahrer noch Gas gibt, um es noch zu schaffen. Ich als Radfahrer bin durch drei recht große Stromkästen, einen dicken Mast und eine Litfass-Säule ziemlich verdeckt. Wie oft an dieser Stelle wohl schon etwas passiert ist – oder es schon zu sog. Beinah-Unfällen gekommen ist? Auch hier liegt wieder mein 1,5m Maßband, man sieht, dass der Weg dort nur etwa 1,8m breit ist.
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Vor dem Kreiswehrersatzamt (Ist das da noch? Gibt’s das überhaupt noch?) nochmal ein blaues Radweg-Schild.
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Dann ist der Weg auch schon fast zuende, nicht ohne nochmal zum Fußweg zu werden. Wenn ich von „unten rechts“ mit dem Rad ankomme (also in der „richtigen“ Richtung) und diese Mini-Serpentine nehme, schaue ich als Radfahrer bestimmt überall hin, aber nicht auf das Fußweg-Schild, das dort angebracht ist. Dieser Fußweg wird in absehbarer Zeit nicht wieder zu einem Radweg, vermutlich geht das bis zum Pragsattel weiter, dass ich mein Rad schieben, bzw. in Schrittgeschwindigkeit fahren müsste (wenn ich eben dieses Schild sehe).
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Ich wechsle also die Straßenseite und mache mich auf den Rückweg. Auch hier ist das erste Radweg-Schild gleich wieder an einer Bushaltestelle angebracht. Ein Traum!
Im Hintergrund sieht man noch einen Masten, der äußerst ungünstig in der optimalen Fahrspur steht. Daher wurde vermutlich auch dieses Reflex-Signal Schild angebracht. Dass sie bei der Stadt Stuttgart nicht wissen, was sie da tun, kann man ihnen an der Stelle zumindest nicht vorwerfen (dass es das Falsche ist, allerdings schon). Auch hier habe ich gemessen, es sind etwa 1,75m zwischen dem Mast und dem Bordstein.
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Im Hintergrund sieht man schon, dass es dunkel wird. Jetzt geht es in diese Allee. Das Schild scheint dort schon lange zu stehen. Ist es überhaupt noch gültig, wenn es so aussieht? Ganz abgesehen davon – ist ein Radweg noch benutzungspflichtig, wenn er so weit von der Straße weg ist? Das Foto ist übrigens nur so hell, weil ich eine recht lange Belichtung gewählt habe.
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An diesem Weg stört mich zum einen das ganze Laub. Vor allem, weil ich erst vor drei Tagen einen Fahrrad-Sturz hatte, bei dem ich auf Stroh ausrutschte und meine komplette rechte Seite aufschürfte. Ein ähnliches Szenario auf spiegelglattem, nassem Laub kann ich mir hier im Herbst auch gut vorstellen. Dazu stehen dort noch ein paar Bänke, die Fußgänger einladen, dort zu verweilen oder auch spielende Kinder, die dann auf einmal in den Weg gesprungen kommen könnten.
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Abgesehen davon hat dieser Weg drei Oberflächen. Das Pflaster wurde wohl dort verlegt, wo Baumwurzeln entfernt wurden, der Asphalt auf der rechten Seite ist vermutlich recht alt und sehr rauh und löchrig. Links wurde vermutlich vor ein paar Jahren schon mal ausgebessert. Natürlich nicht der ganze Weg, hier in Schwaben spart man schließlich, wo immer man kann.
Benutzungspflichtige_Radwege-19Am Ende dieser Allee dann wieder Licht – und ich muss mich schnell auf Kopfsteinpflaster einstellen – ach, das ist ja sogar eine querende Straße, also auch noch schnell schauen, ob da jemand kommt. Dann kann ich meinen Blick nach vorne schweifen lassen. Baustellenverkehr kreuzt also auch noch. Dann sehe ich auch wieder das Radweg-Schild. Allerdings ist dort ein Kreuz drauf geklebt. Ist das jetzt etwas offizielles oder hat da nur jemand spaßeshalber Klebeband hingemacht? Ich weiß es nicht, bin aber schon weiter.
Vermutlich muss ich nicht sagen, dass an der Baustelle nirgendwo ein „Achtung Radfahrer“ Schild zu sehen ist. Klar – es reicht doch völlig aus, dass die Radfahrer aufpassen, dann können sich die Baustellen-Fahrzeuge bewegen wie sie wollen und es wird schon nix passieren.
Am Ende der Baustelle dann das:
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Die Straße wurde offenbar neu gemacht, zumindest sieht die Farbe für mich als Laien so aus. Der Bordstein ist nicht abgesenkt. Mit einem vollgefederten MTB und dem richtigen Luftdruck in den Reifen ist das gar kein Problem. Alle anderen Radfahrer werden dadurch auf Schrittgeschwindigkeit ausgebremst, wenn sie kein Plattfuß bekommen oder sich die Felgen ruinieren wollen. Hallo – geht’s noch? Was würde wohl passieren, wenn auf der Bundesstraße direkt daneben auf einmal eine fast 10cm hohe Stufe wäre?!
Und dann ist dieses Abenteuer auch schon wieder vorbei. An der Stadtbahn-Haltestelle Eckardshaldenweg kann ich mit dem Rad nicht mehr weiterfahren, muss die Straßenseite wechseln und bin in etwa wieder dort, wo der gelbe Pfeil ist.
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Oder man ignoriert das einfach und fährt schneller und sicherer einfach im Autoverkehr mit. Da es dort leicht bergab geht, ist es auch kein Problem, mindestens genauso schnell wie die Autos zu sein, die sich sowieso alle paar Meter wieder an einer roten Ampel einreihen müssen.

Bonus: Es gibt natürlich auch Desire Lines (deutsch: Trampelpfade), die dort entstehen, wo der Wegeplaner völligen Unsinn gemacht hat und die Fußgänger sich daher ihre eigenen, besseren Wege suchen. Hier bei der Kreuzung der U5.
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Das war’s für heute. Seid auch beim nächsten Mal dabei, wenn ich mal wieder einen der hochgelobten Radwege aus dem angeblich 180km langen Radwege-Netz in Stuttgart anschaue. Oder soll ich das, nach dieser Erfahrung, doch lieber bleiben lassen?

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