Schlagwort-Archive: Fahrradstadt

Blick in die Elisabethenstraße

öffentlicher Raum

eine Frage, die in Städten immer wieder angekratzt wird, aber nie so richtig beantwortet wird:

Wie wollen wir als Gesellschaft mit dem begrenzten öffentlichen Raum umgehen?

Als Beispiel nehme ich hier mal das kurze Stück der Elisabethenstraße zwischen der Gutbrodstraße und dem Bismarkplatz im Stuttgarter Westen (Karte). Das sind etwa 120m und auf jeder Seite parken je ca. 15-20 Autos. Gleichzeitig sind dort 15 Häuser, die durchgängig sechsstöckig sind. Ohne auf die genaue Wohnsituationen in den einzelnen Häusern einzugehen, sind dort also 90 Wohnungen. Nach den Statistiken der Stadt Stuttgart wohnen im Westen etwa 50% Singles, der Rest sind dann vermutlich Paare oder gar Familien. Eine Schätzung über die tatsächliche Anzahl von Bewohner:innen in dieser kurzen Straße ist für mich als jemand, der dort nicht wohnt, also zum Scheitern verurteilt. Aber ich kann wohl guten Gewissens behaupten, dass es bestimmt mehr als 100 Menschen sind.
Blick in die Elisabethenstraße
Und in dieser Straße steht aktuell die Wanderbaumallee Stuttgart. Diese Wanderbaumallee ist ein Projekt von Stuttgarter:innen, bei dem es um die Diskussion über die Aufteilung des öffentlichen Raums geht. Und natürlich nebenbei auch darum, dass die Beton-, Asphalt- und Steinwüsten in den Städten ansprechender gestaltet werden sollen.
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Screenshot aus den Tagesthemen vom 25. Juni 2020

Tagesthemen

letzte Woche hatte ich einen Anruf bekommen, dass die ARD Tagesthemen einen Bericht über den allgemeinen Fahrradboom machen wollten. Die neuen „PopUp-BikeLanes“, also diese temporären Radspuren als Konfliktpotential in der sog. Autostadt Stuttgart, sollten der Aufhänger dafür sein. Ob ich denn Zeit hätte?
Natürlich mache ich da mit, denn gerade über diese neuen Radspuren – und das Thema Mobilität in Stuttgart – habe ich ja auch eine Meinung. Also überlege ich mir, was ich denn anziehen könnte und habe mich für das neue „OpenBikeSensor“ T-Shirt entschieden. Dann bin dann erstmal seit Monaten wieder zum Friseur gegangen, um die Corona-Matte los zu werden.

Beim Dreh wieder die übliche Warterei und langes miteinander Reden. Natürlich probierte ich, das Redaktionsteam so gut wie möglich zu verstehen, zu informieren und von meiner Sicht auf die Dinge zu überzeugen. Letztendlich sind nach über drei Stunden am Ende gerade mal zwei Sätze rausgekommen. Das, was der Verkehrsexperte aus Karlsruhe sagte, habe ich natürlich auch alles genannt, vielleicht nicht so kompakt und eloquent, wie er es gemacht hat. Vermutlich muss ich da einfach noch ein bisschen mehr üben. Wäre ich in einer Situation, in der ich öfters als alle paar Monate mal mit Presse/TV zu tun hätte, würde ich das ja auch machen. Aber da es immer sehr zufällig ist, vertraue ich da einfach drauf, dass ich mit meinen bisherigen Erfahrungen und das angesammelte Wissen zum Thema durch diese Situationen schon ganz gut durchkomme.
Mit den Sätzen ist das ganze Gespräch auch ziemlich gut zusammengenfasst:

„Es gibt keine Radinfrastruktur, das kann man völlig vergessen. Stuttgart hat Radwege nur alibimäßig, da gibt es kaum was. Man kommt nicht sicher von A nach B! Ich hoffe, sie [d.h. die Stadtverwaltung und die Politik] lernen etwas daraus.“

Screenshot aus den Tagesthemen vom 25. Juni 2020

Screenshot aus den Tagesthemen vom 25. Juni 2020

Der ganze Bericht hat sich nach den völlig unsinnigen Krawallen in der Stuttgarter Innenstadt dann um ein paar Tage verschoben. Nun wurde er jedoch gesendet und ist für ein paar Tage noch in der ARD-Mediathek zu sehen. Als kleine Anekdote dazu: ich hatte in den 90er Jahren tatsächlich mal einen Button, auf dem ein Elefant und der Spruch „Keep Kohl!“ drauf war. Natürlich nicht aus Überzeugung, sondern eher „ironisch“. So schließt sich der Kreis – wenn ich das damals schon gewusst hätte. ;~)

"Schutz" der Radfahrer:innen durch die Stadt

temporäre Radspuren

Berlin hat es vorgemacht: während der Corona-Zeit haben sie alle Pläne zu zukünftigen Radspuren aus den Schubladen gekramt und innerhalb kürzester Zeit umgesetzt. Klar, nur „temporär“, die Abtrennung zum parallel verlaufenden Autoverkehr ist nur schnell mit Baken umgesetzt (hier gibts Bilder dazu). Aber ein guter erster Schritt zur dringenden Neuverteilung des öffentlichen Raums.

Stuttgart hat hingegen wochenlang nichts dergleichen gemacht, obwohl es auch hier schon länger Pläne für eine geschützte Radspur gibt. Zuerst hat der Radentscheid/Zweirat eine dieser neudeutsch „PopUp Bikelanes“ genannten temporären Radspur als Demo angemeldet, hier mehr dazu. Dann hat Greenpeace Stuttgart auch noch eine solche temporäre Radspur als Demo angemeldet, hier mehr dazu. Inzwischen ist Felix Weisbrich, der das Projekt in Berlin verantworet, zu einem regelrechten „Star“ der Verkehrswende geworden, es gibt sogar ein Handbuch für alle deutschen Kommunen, wie man innerhalb von 10 Tagen solche Radwege einrichten kann. Und auch wenn „der deutsche Autofahrer“ sich das nicht vorstellen kann: das ist tatsächlich völlig legal und mit allen Gesetzen vereinbar!
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Geisterradler

nach längerer Home-Office Zeit bin ich heute mal wieder mit dem Rad ins Büro gefahren. Natürlich regnet es seit längerem mal wieder und da ich einen Termin habe, konnte ich nicht das Regenradar auf mögliche Regenlücken beobachten.
An der Stuttgarter Stresemannstraße neben dem Killesbergpark wird gerade „irgendwas für Radfahrende“ gemacht. In dem Fall wird eine farbige Radspur auf den Boden gemalt, eher direkt in die sog. Dooring-Zone (also den Bereich, der wegen aufgehender Auto-Türen nicht mit dem Rad befahren werden sollte).
Die abschüssige Strecke wird aktuell offenbar gerade fertiggestellt und ist voll gesperrt, weder Fußgänger:innen noch Radfahrer:innen dürfen hier weiter.
Baustelle an der Stresemannstraße
Über die ausgeschilderte Umleitung wundere ich mich noch ein bisschen. Wo soll es denn auf der linken Seite weiter gehen?
Dort, auf der anderen Seite der Straße steht tatsächlich ein Schild, das mich auf der Gegenseite weiter führen will.
Baustelle an der Stresemannstraße
Und wenige Meter später ist dann die Überraschung perfekt. Ich soll jetzt offenbar auf diesem schmalen Radstreifen als „Geisterradler“, zwischen links geparkten Autos und dem rechts von mir fahrenden Gegenverkehr hier fahren?
Baustelle an der Stresemannstraße
Dass die Stadt Stuttgart den Radverkehr bis jetzt noch nicht durchdenken kann, hat sie ja schon oft gezeigt. Aber eine solche kapitale Fehlplanung kann doch nicht wirklich ihr ernst sein?
Kann mir bitte jemand sagen, dass ich da irgendwas falsch verstanden oder etwas übersehen habe?

Update: ich habe am nächsten Tag probiert, die Situation nochmal zu analysieren, die Sperrung ist jetzt aber bereits aufgehoben. Das Umleitungsschild auf der gegenüberliegenden Seite stand noch, über den Park habe ich keine Umleitung gesehen.
Allerdings habe ich das Überholverbotsschild mitgenommen und mir gedacht, dass das ja die perfekte Gelegenheit dafür gewesen wäre, natürlich richtig aufgehängt und nicht nur so an der Baustellen-Bake. Die Strecke dort ist leicht abschüssig (laut Strava mit 3%). In Kombination mit Tempo 30 wäre das also überhaupt kein Problem gewesen und eine vernünftige, allererste Nutzung dieses neuen Verkehrsschildes.

Überholverbot einspuriger Fahrzeuge an der Stresemannstraße

Überholverbot einspuriger Fahrzeuge an der Stresemannstraße

Baustellen auf dem Radweg Pragstraße

Radweg an der Pragstraße

als Stuttgarter, der sich 2018 noch für den Radentscheid engagiert hat, hat man noch die vollmundigen Versprechen des Baubürgermeisters Pätzold im Ohr. Ganz 20 Fahrradstraßen wollte er 2019 noch erstellen (keine einzige ist es dann geworden), auch OB Kuhn hat kurz darauf die „echte Fahrradstadt“ ausgerufen. Und selbst der offensichtlich vollkommen überforderte Chef des Stadtplanungsamtes, Oehler, der erst mit Helm und neongelber Jacke im Hundeklo stehend verkündete, dass erguten Gewissens“ in Stuttgart radfahren könne, hat Ende letzten Jahres noch versprochen, dass jetzt „die Projekte purzeln„. Auf all das wartend, bin ich am Wochenende mal die Pragstraße runter gefahren. Dort sind auf 400m jetzt vier Baustellen.
Man steht an der Kreuzung Löwentor und sieht, dass der Radweg nun vorbei ist. Das Schild wird dafür natürlich nicht entfernt oder überklebt, die Radler sind ja schlau genug, dass sie das auch so verstehen.Baustellen auf dem Radweg Pragstraße
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Messung der Straßen-Oberflächen

beim ständigen Rumsurfen kommt man ja an so einigem vorbei. Vor längerer Zeit mal diese App „Cyface“ von der gleichnamigen Firma Cyface gefunden. Diese liest einfach die ganzen Beschleunigungs- und sonstigen Sensoren im Smartphone aus, kartiert sie über GPS und mit den ganzen Erschütterungen kann sie dann die gefahrenen Wege qualitativ kategorisieren.
Hörte sich interessant an, aber lange hatte ich kein Smartphone, welches das konnte. Und als ich ein anderes hatte, hat die App nicht mitgespielt.
Cyface wird blockiert
Das habe ich den Entwicklern mitgeteilt und irgendwann kam tatsächlich eine neue Version, die man problemlos installieren konnte.
Also habe ich mal überlegt, mit welchem Fahrrad ich am Besten solche Messungen durchführen könnte und habe mich für das Reiserad entschieden.
Das Smartphone habe ich mit einer solchen Silikon-Halterung am Front-Gepäckträger befestigt. Diese Halterung gibt es hier, das „Original“. Meine ist tatsächlich auch von dort, jedoch kriegt man solche Halterungen auch für den Bruchteil des Preises.
meine Handy-Halterung mit GetFinn am Front-Gepäckträger
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Update zu Bike Citizens

vor ein paar Tagen habe ich bereits geschrieben, dass die Stadt Stuttgart jetzt offenbar irgendeine Kooperation mit der Firma Bike Citizens eingegangen ist. Da wusste ich noch nicht viel mehr darüber.
Inzwischen habe ich noch aus Versehen ein paar weitere „Accomplishments“ freigeradelt. Eine „aufblasbare Insel“ und ein „Yellow Submarine“ ist dazu gekommen; mit der Begründung „Unter Wasser zu radeln hilft dir cool zu bleiben“. Schlauer bin ich dadurch aber nicht geworden, was es mit diesen Auszeichnungen auf sich hat.Bike Citizens Submarine Accomplishment
Um mal einen relevanteren Punkt auszuprobieren, habe ich spaßeshalber mal einen Navigationsvorschlag generieren lassen. Mal sehen, wie mich diese App zum Fuße der Staibhöhe navigiert? Dort musste/wollte ich hin, denn das ist eines der Segmente der aktuell laufenden „schwäbischen Bergzeitfahrmeisterschaften“ von Kesseln.CC.
Als Randbedingungen habe ich den Radtyp Rennrad angegeben und dass ich „schnell“ unterwegs bin.
Es wird mir eine 6,4km lange Strecke angeboten, was grundsätzlich nicht verkehrt ist. Aber in den Details sind teils katastrophale Fehler drin!
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Platzverschwendung am Kräherwald

Platzverschwendung in einer Autostadt

wie oft ich schon an dieser Stelle vorbeigefahren bin und es eigentlich immer als gegeben angenommen habe. Auf beiden Seiten ein Gehweg, beide sind für Fahrräder freigegeben, dazu noch je eine Fahrspur pro Richtung und eine Abbiegespur.

die Situation oben am Stuttgarter Kräherwald
Wenn man sich das ganze mal etwas genauer anschaut, kommen doch ein paar Fragen auf: Diese Rad-Freigabe ist relativ neu und ich wundere mich schon seit Anbeginn, wie man nach der großen und lange dauernden Baustelle dort solch einen Mist überhaupt machen konnte. Die Fahrrad-Piktogramme auf dem Gehweg sollen zusätzlich den Eindruck erwecken, dass der recht breite Gehweg ein Radweg sein könnte. Selbst regelmäßigen Rad-Pendler:innen ist oft nicht klar, dass sie dort auf einem Gehweg unterwegs sind, Autofahrer:innen haben davon sowieso keine Ahnung und man wird eigentlich immer angehupt, wenn man dort auf der Straße fährt. Weiterlesen

Unfall am Wilhelmsplatz

letzten Freitag haben mehrere Radfahrende in Stuttgart von einem weiteren, schweren Unfall berichtet. Es wurde offensichtlich ein Radfahrer übersehen, als ein Autofahrer die Spur wechselte (hier die Pressemitteilung der Polizei)
Dass hier früher oder später ein schlimmer Unfall passieren wird, war sonnenklar. An dieser Kreuzung stimmt einfach überhaupt nichts! Und rote Farbe hat noch bei keinem Unfall ihre schützende Zauberwirkung entfaltet.
An der Stelle, wo ich hier aktuell stehe, kommen die Autos von schräg links hinter mir oder biegen hier von einer hinter mir querenden Straße ab. Gesehen werde ich nur schlecht, da links von mir diese Grünfläche mit Baum ist. Dann sehen sie hier einen Pfeil in alle Richtungen, es geht leicht bergab und wenige Meter weiter sehen sie die Ampel. Es ist eine der vielen Ampeln in Stuttgart, bei der man (diplomatisch gesprochen) überdurchschnittlich lange warten muss. Ich fahre 1000x lieber wo anders lang, als hier minutenlang zu warten. Autofahrer geben daher hier noch öfters Gas, als an anderen Ampeln, um das sinnlose Warten zu vermeiden. Dazu kommt noch, dass der Autofahrer von einer Spur mit allen Pfeilen auf einmal auf einer Rechtsabbiege-Spur ist und – falls er das nicht möchte – innerhalb weniger Meter noch schnell einen Spurwechsel machen muss. Radfahrer dürfen eigentlich nie links fahren. Für sie gilt sogar innerorts das Rechtsfahrgebot (es wird nämlich nur für Kraftfahrzeuge aufgehoben) und es gibt immer mehr Ampeln, wo indirektes Linksabbiegen angeboten wird; also erstmal geradeaus über die Kreuzung fahren, dann rechts ranfahren und bei der nächsten Ampelschaltung geht es dann eben links (bzw. dann eben geradeaus) über die Kreuzung.
Fahrradweiche am Wilhelmsplatz
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Bike Citizens in Stuttgart

es gibt viele Apps für Fahrrad-Navigation auf dem Markt. Vor ein paar Jahren habe ich schon mal ein paar davon ausprobiert und wollte mich für die beste entscheiden. Keine hat mich jedoch überzeugt.
Klar, mit jeder App kommt man ans Ziel – aber keine App ist auch nur annähernd so gut, wie die eigene Erfahrung (ja, dieses Wortspiel ist gewollt).

Sehr überraschend kam für mich – und viele andere Teile der hiesigen Radszene – dann diese Entscheidung der Stadt Stuttgart, die App Bike Citizens hier zu unterstützen. Dies sieht so aus, dass man die Karte der Region Stuttgart nun kostenfrei herunterladen kann. Für mich ist das nichts neues, denn während meinen Versuchen (es müsste 2016/17 gewesen sein) gab es von Bike Citizens die Gelegenheit, die Karte durch das Fahren von 100km mit dem Rad sich sozusagen zu erarbeiten. So bin ich dann auch zu den Karten von Toronto und Reyjkavik gekommen. Seitdem habe ich aber nichts mehr mit der App gemacht, weil das Routing mich nicht überzeugt hat und die App sonst keinen Nutzen hatte. Man konnte sich noch eine sog. Heatmap erzeugen lassen. Das ist zwar ganz nett, aber wenn man das ein paar Wochen oder Monate lang macht, hat man üblicherweise alle Strecken aufgezeichnet, die man so fährt. Das sah für mich dann so aus.
meine Fahrrad Heatmap von Stuttgart
Wie gesagt: nur eine Spielerei, für die es sich nicht weiter lohnte, die App zu nutzen.

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Gehwegparken

was ja schon lange stört, sind Autos, die jegliche öffentliche Flächen in unseren Städten zustellen und dabei natürlich auch auf den Gehwegen parken. Städte sollten Orte sein, an denen Menschen zusammenkommen, wo man sich treffen kann, wo (nicht nur) Kinder spielen können.
Unsere heutigen Städte sind leider nur noch große Parkplätze.
Woher dieser Anspruch kommt, dass man das eigene Auto (oder noch schlimmer, den Firmenwagen) immer direkt vor der Türe parken können muss, ist mir völlig unerklärlich. Es gibt in den Städten jede Menge Parkraum, sei es in Tiefgaragen, Parkhäusern oder großen Parkplätzen – wie im Stuttgarter Fall – zum Beispiel am Wasen-Parkplatz. Dort könnten überall die Autos stehen und sie würden nicht mal besonders stören.
Wir als Gesellschaft nehmen es jedoch hin, dass uns überall, wo wir leben, entweder mehrspurige Schnellstraßen trennen, oder eben überall Autos im Weg rumstehen.

Ganz besonders schlecht dabei ist das Gehweg-Parken. Leider gibt es in der StVO ein Schild (Update dazu ganz unten), das genau sowas sogar erlaubt. Das ist schon immer scheiße, jetzt in Corona-Zeiten, da man das gesellschaftliche Leben – wenn überhaupt – nur mit ordentlich Abstand genießen soll, fällt das besonders auf.

Hier ist ein solches Schild und man sieht, dass vom ursprünglichen Gehweg nur noch wenig übrig ist. Parkplätze sind üblicherweise 2m breit, also war der Gehweg davor mal gemütliche ca. 3,5m. Jetzt stehen da Autos. Und dann noch die Unsitte, dass alles auf den Gehweg kommt. Hier noch das Verkehrsschild und dieser Verteilerkasten. Als Fußgänger:in kann man schauen, wo man bleibt. Ist man noch jung und fit, kann es einem egal sein. Wenn man jedoch einen Rollator braucht oder einen Rollstuhl, wenn jemand entgegen kommt, vielleicht sogar ein Kind auf dem Fahrrad, wird es schon zu normalen Zeiten eng. Der 1,5m-Corona-Abstand ist damit nicht mehr machbar. Und wenn dann, wie hier, noch ein solches Alibi „Vorsicht Kinder“ auf die Straße gemalt wird, fallen normalen Leuten auf die Schnelle zig Möglichkeiten ein, Kinder vor dem Autoverkehr zu schützen, anstatt diese superbreite und abschüssige Straße einfach so durchs Wohngebiet zu betonieren. Wenn ich es noch richtig weiß, ist es die Sonnenbergstraße.
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zerfetztes Merino-Shirt

kleines Unfällchen

eigentlich wollte ich heute Abend ja etwas anderes schreiben. Ich war die letzten Tage in Berlin und München und hätte dazu noch was zu erzählen.
Auf dem Heimweg bin ich allerdings in einer Kurve mitten in der Stadt in eine sehr dreckige Stelle gekommen. Die Baustelle in der Nähe hat die Straße zwar verdreckt aber nicht anständig sauber gemacht. Ich vermute mal, dass das in Stuttgart ständig passiert und man halt auch weiß, dass sich von den öffentlichen Stellen einfach niemand drum kümmert.
Ich bin eben einfach weggerutscht.
Der Kitt’l sieht jetzt so aus.
dreckiger Kittel nach dem Unfall
Und die Hose ähnlich dreckig. Der ganze Dreck lag eben alles auf der Straße und mit dem leichten Regen wurde es zu einer sehr rutschigen Angelegenheit.
dreckige Hose nach dem Unfall
(wer kein Blut sehen kann, sollte hier lieber nicht weiterlesen)
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hinter den Fronten

in meinem letzten Beitrag habe ich dargelegt, wie man sich fühlen könnte, wenn man auf dem sehr steinigen Weg von einer Autostadt zu einer lebenswerteren Stadt beinahe täglich auf alle möglichen Widerstände stößt. Und bevor in den Begriff „steiniger Weg“ wieder zuviel interpretiert wird: hier ist lediglich das Stilmittel der Metapher gewählt worden; steinige Wege gibt es in Stuttgart höchstens als Radwege.
Und heute früh ist dieser Beitrag offenbar irgendwie bei der Stadt Stuttgart angekommen. Auf diversen Wegen wurde mir mitgeteilt, dass der Sprecher der Stadt Stuttgart mich zitiert hat und versucht, das nun etwas anders darzustellen.

Gegenrede von Matis zu meinem Beitrag

Screenshot von twitter

Vielleicht vorweg: Deutsch ist zwar meine Muttersprache, allerdings wars das dann schon. Ich bin Diplom-Ingenieur und habe weder ein Deutsch-Abitur noch eine Ausbildung in Kommunikationswissenschaften, o.ä. Dennoch interessiere ich mich etwas für Sprache und viele meiner Worte sind tatsächlich absichtlich so gewählt, ohne dass ich jedes einzelen auf die Goldwaage lege (die ich auch gar nicht habe).
Auch die Strategie, sich von einem privaten Account in eine öffentliche Diskussion einzuschalten oder sie zu starten, stelle ich immer wieder mal fest. Das passiert nicht nur hier bei der Stadt Stuttgart, sondern so arbeitet zum Beispiel auch das Social Media Team von Daimler. Dort werden alle unverfänglichen Aussagen über die offiziellen Firmenaccounts getätigt und wenn es dann mal ins Konkrete geht oder eine Aussage getätigt wird, die nicht ganz der Wahrheit entspricht oder nicht 100% konform mit den Firmen-Werten ist, schaltet sich der „Head of Digital Transformation“ privat ein, diskutiert mit und erweckt den Eindruck, als ob er für die Firma spreche, obwohl er in seinem Profil explizit stehen hat „Views are my own. Always“.

Der erste Punkt der Kritik: man müsse sich ja gar nicht engagieren.
Keine Ahnung, was das für eine Aussage sein soll. Von allen Seiten hört man ständig immer wieder, dass (ehrenamtliches) Engagement gut sei und einen großen Vorteil für die Geselllschaft bringt.
Oder es ist nur eine Anspielung auf meinen Slogan „Niemand muss Auto fahren“? Ich glaube zwar nicht, dass ich von der Stadt soweit beobachtet werde, dass sie diesen Slogan kennen oder mir zuordnen könnte – aber wer weiß. Wäre dann aber auch schlecht gemacht.
Letzendlich habe ich die Erfahrung von buchstäblich tausenden Menschen, mit denen ich während der Unterschriftensammelphase des Radentscheid Stuttgart gesprochen habe und die sich fast ausschließlich für unser Engagement bedankt haben und es gut finden, dass wir das machen. Aber wenn jemand auf der „anderen Seite“ dieses Engagements steht, wie eben hier die Stadt Stuttgart, dann ist diese Aussage aus ihrer Sicht vielleicht wieder etwas verständlich.

Der zweite Punkt: ein toter Riese am Ende des Kampfes, als (rhetorische?) Frage.
Auch hier vielleicht wieder eine Anspielung auf den Hashtag #DavidgegenGoliath, den ich verwendet habe. Ja, twitter bietet nur eine begrenzte Zahl von Zeichen an und von diesen Tweet-Threads mit bis zu zig Tweets in Reihe, um einen Punkt klar zu machen, halte ich nicht viel; dafür gibt es, auch 20 Jahre nach deren Entstehung, schließlich immer noch Blogs (sie baden gerade ihre Hände drin[hihi, toller Link dort unter 2.]).
Ich denke, dass ich in meinem Beitrag ganz gut dargelegt habe, dass die ca. 100 Leute, die sich damals für den Radentscheid engagiert haben, durchaus in einer eklatanten Unterzahl sind, wenn man die Politik, die Verwaltung und das lokale Medien-Monopol entgegen ihren jahrzehntelang gelebten Überzeugungen darüber informieren will, was in anderen Städten oder Ländern schon längst an der Tagesordnung ist. Um dies besser zu beschreiben, habe ich mal das digitale Projekt 100 Städte angefangen, welches aufzeigt, dass es weltweit keine einzige Stadt gibt, die ihre Probleme mit dem MIV gelöst hat. All diese Städte setzen auf Maßnahmen für den Radverkehr, für den Fußverkehr, für lebenswerte Städte und wollen den Autoverkehr somit (drastisch) reduzieren, zum Teil komplett entfernen.
Wenn Stuttgart sich dagegen verschließt, wird es bestimmt eines Tages als „toter Riese“ (oder Dinosaurier) enden, oftmals spricht man in dem Zusammenhang von „Detroit 2.0“. Wie die Zukunft wirklich wird, kann natürlich niemand voraussagen. Aber wir können auf die Wissenschaft hören, auf Studien, auf Beispiele aus anderen Städten und ihre Erfahrungen damit. Diese „100 Städte“ sind natürlich noch lange nicht vollständig, ich habe noch viele, viele weitere Beispiele im Hinterkopf, komme aktuell aber nicht dazu, mich hier weiter zu engagieren. Es hat aktuell aber schon einen Status erreicht, der mehr als deutlich macht, dass Städte auf allen Kontinenten das Kapitel „autogerechte Stadt“ abschließen und in eine andere, bessere Zukunft abgebogen sind. Ich habe bisher noch kein halbwegs realistisches Szenario für ein blühendes Stuttgart gesehen, das ohne die Automobilbranche, wie wir sie heute kennen, auskommt.

Zum dritten Punkt, dass es Fronten im Krieg gibt.
Klar. Fronten gibt es aber auch bei Häusern, bei Küchen oder der Meteorologie; nachzulesen beim Duden. Ansonsten ist es ein durchaus übliches Stilmittel in der täglichen Kommunikation, man findet auch 44 Treffer zu „Front“ auf stuttgart.de. Jeder versteht halt das, was er verstehen will. Mehr gibt es hierzu auch gar nicht zu sagen.

Dann zum letzten Punkt: es wäre eine „Falschbehauptung“, wenn ich von Boykott spreche.
Ich sehe es ja eher so, dass eine Aussage auf meiner privaten Webseite keine „Falschbehauptung“ ist, sondern eher eine „Meinung“ und habe auch dargelegt, wie ich dazu komme. Im Beitrag rede ich davon, dass „die Verwaltung der Stadt Stuttgart immer wieder Beschlüsse des Gemeinderates ignoriert oder gar aktiv boykottiert“.
Dann führe ich das eben nochmal mit ein paar weiteren Fakten aus und jede:r Leser:in kann sich sein eigenes Bild davon machen.
2009 hat die Stadt Stuttgart das Verkehrsentwicklungskonzept 2030 erstellt, das gibt es unter diesem Link auch als 32MB-PDF mit 139 Seiten zum Download. Leute, die sich mit dem Thema „Mobilität in Stuttgart“ auseinandersetzen, werden es vermutlich kennen. Allen anderen kann ich es nur empfehlen, weil da grundsätzlich gute Dinge drin stehen (die nur so leider nicht gelebt werden). Es ist offenbar unter der Antragsnummer 590/2010 behandelt worden, ist darunter aber bei der Suchmaschine der Stadt nicht zu finden. Dieses Verkehrsentwicklungskonzept wurde auf jeden Fall von einer Mehrheit des Stuttgarter Gemeinderats beschlossen. Nach meinem Verständnis ist der Gemeinderat das höchste, demokratisch gewählte Organ der Stadt – entsprechend wichtig sind seine Beschlüsse.
Da ich mich primär beim Radverkehr auskenne, hier mal schnell zwei Beispiele:
Es gibt ein Gesamtkonzept zum Thema Radverkehr.Gesamtstrategie Radverkehr laut VEK

Ganz oben, wohl eher zufällig, das Thema Fahrradparken. Dazu habe ich auch vor kurzem meine Meinung geäußert. Hierbei kann ich mir tatsächlich mit viel Optimismus vorstellen, dass es aufgrund von öffentlichem Druck tatsächlich bis 2030 noch halbwegs zufriendenstellend gelöst werden könnte. Warum das Thema allerdings die letzten zehn Jahre auf Eis lag, bleibt verwunderlich. Ein Hauptradroutennetz ist Stand heute noch ein großes Wunschdenken. Es gibt nicht mal eine einzige vernünftige Hauptradroute (HRR) und die Stadt streitet seit Jahren um die HRR2. Bei der Geschwindigkeit wird in den nächsten zehn Jahren sicherlich kein Netz entstehen. Ebenso sind keinerlei Arbeiten an Stadtteilnetzen sichtbar. Ich weiß aktuell lediglich vom Stuttgarter Westen, dass es dort 215m Radwege gibt, und das bei einem Stadtteil mit über 52.000 Einwohnern. Im Osten haben wir nach den zwei Unfällen auf der Talstraße recherchiert und 108m Radwege gefunden. Eine Verkehrssicherheitsarbeit/Öffentlichkeitsabeit und Kommunikation hätte man auch schon am ersten Tag nach dem Beschluss des VEK starten und bis heute laufen lassen können. Stattdessen wurde dem Radentscheid versprochen, dass noch im Jahr 2019 ganz sicher eine Kampagne zu 1,5m Überholabstand durchgeführt wird. Wenn man heute, im Januar 2020 mal draußen auf der Straße fragt, ob jemand etwas davon mitbekommen hat, wird es wohl ernüchternd ausfallen. Service rund um’s Rad – was soll man sich darunter vorstellen? Die eine Reparatursäule, die die Stadt am ersten #Radvent in der Eberhardstraße eröffnet hat? Sorry – aber bei dem Thema ist die Zivilgesellschaft auch schon viel weiter. Der ADFC hat in Zuffenhausen eine solche Säule aufgebaut (was offenbar über 300 eMails mit der Stadt benötigte, bis man sie trotz diesem VEK davon überzeugen konnte, dass man sowas wirklich machen darf), auch die Stadtlücken haben unter dem Österreichischen Platz bereits eine solche Reparatursäule aufgebaut. Dazu kommen noch diverse „offenen Werkstätten“ (z.B. im Hobbyhimmel, im Umweltzentrum von ADFC, im Keller5, etc.). Die Verknüpfung zum ÖPNV ist durchaus gut. Allerdings ist mir nicht bekannt, ob es an diesem VEK lag, oder ob es vorher schon so gelöst war. Falls hier jemand mehr weiß, höre ich mir das gerne an. Zu Qualitätssicherung ist es schwierig, etwas zu sagen. Aber die Radwege in Stuttgart sind durchgehend schlechter als die Straßen und werden oft als Abstellflächen für Verkehrsschilder, Mülltonnen und Parkplätze verwendet. Die Fahrrad-Wegweisung finde ich hier in Deutschland sowieso nutzlos, wie ich auch schon mal beschrieben habe. Gute und sichere Wege gibt es bis heute nicht. DIe Stadt erzählt zwar gerne etwas von 180km Radwegen; das wäre beim aktuellen Straßennetz von 1450km zwar auch schon keine gute Leistung. Und wenn man weiß, dass davon lediglich 8km richtige Radwege (d.h. kein Mischverkehr mit Fußgängern) sind, wird es noch deutlicher, dass dieses Ziel in sehr weiter Ferne ist und bis 2030 bestimmt nicht mehr umgesetzt werden kann.

Und noch ein zweites Bild aus dem VEK2030 zum Thema Radverkehr. Nur zur Info: Die Qualität habe nicht ich so schlecht hinbekommen, das ist ein Screenshot aus dem Dokument. Vor zehn Jahren war das png-Format vielleicht noch nicht so verbreitet (und ich manchen Bereichen hat man vielleicht bis heute noch nix davon gehört).
Nach diese Grafik hätte man allerspätestens 2015 mal kurz überlegen und intervenieren müssen. Damals war der Radverkehrsanteil definitiv unter dem Minimalziel von 10%. Das ist er ja sogar heute noch. Ganz genau weiß das zwar niemand, weil er schon lange nicht mehr gemessen wurde, aber dass er nicht in dem Maße gestiegen ist, wie man sich das gewünscht hätte, ist allen klar.Raverkehrsanteil laut VEK

Und ich weiß, dass sogar in den Automobil-Giganten in und um Stuttgart nicht nur Auto-Fans arbeiten, sondern auch Radfahrer:innen. Nicht nur diese „Auch-Radfahrer“ (die sich in jeder Diskussion immer aufspielen und nur Quatsch einbringen), sondern richtige Alltagsradler. Ein Beispiel dafür ist Mahle, die seit Jahren jedesmal beim Stadtradeln mit einer beeindruckenden Mannschaft gewinnen. Daher bin ich mir sicher, dass auch in der Stadt Stuttgart der ein oder die andere Alltagsradfahrer:in sitzt und etwas von diesem VEK weiß. Und in meiner Welt sitzt diese Person dann nicht nur stumpf am Schreibtisch und wartet auf den Feierabend, sondern denkt auch mal mit und engagiert sich ein bisschen neben dem eigentlichen Aufgabengebiet. (Auch wenn ich das nach der beschriebenen Ansicht der Stadt über Engagement vielleicht nochmal hinterfragen müsste.)
Die Vorgesetzten sollten sowieso über diese demokratische Entscheidung bezüglich ihres Aufgabengebietes wissen.
Und jetzt stehen wir im Jahr 2020 und haben definitiv keine 12% Radverkehrsanteil, also das Mindestziel – oder auch Minimalziel – nicht erreicht. Mit sehendem Auge seit mindestens fünf Jahren auf dieses Versagen zugelaufen, ohne etwas zu machen. Vielleicht ist der politisch korrekte Begriff dafür nicht „Boykott“, sondern eher „Änderung der Prioritäten“. Dass man dieses Thema einfach „vergessen“ hat, kann ich mir nicht vorstellen, wie ich es eben noch ausgeführt habe. Im Endeffekt ist es auch egal, wie man es nennt. Es wurde nichts gemacht. Es wurde von Anfang an nicht genug gemacht, um das Minimalziel zu erreichen. Und als man festgestellt hat, dass man selbst das Minimalziel nicht erreichen wird, hat man keinerlei Änderung der offensichtlich falschen Strategie beschlossen. Für mich ist und bleibt das ein Boykott des Gemeinderatsbeschlusses 590/2010, einem demokratisch beschlossenen Grundsatzziel für die Stadt Stuttgart von ihren gewählten Vertretern.

Vielen Dank an alle, die mich über obigen Tweet informiert und die sich in die Diskussion auf twitter eingeschaltet haben. Ich hoffe, ich konnte damit erklären, dass ich nicht „im Krieg“ bin, sondern einfach nur einer von sehr vielen Stuttgarter:innen, die sich eine lebenswertere Stadt wünschen – wenn auch mit etwas mehr Engagement als andere.