Archiv der Kategorie: Fahrradstadt

Fahrradgaragen

das Thema „Fahrradgaragen“ wird schon seit einiger Zeit in Stuttgart diskutiert. Ich habe mich schon recht früh in das Thema eingearbeitet und daher kenne ich mich daher relativ gut aus. Das merke ich auch daran, dass viele Leute davon noch überhaupt gar nichts wissen oder bei mir Details erfragen.

Daher möchte ich es, nachdem die erste Fahrrad-Garage in Stuttgart nun seit wenigen Tagen steht, hier mal etwas aufarbeiten. Sollte etwas falsch sein oder fehlen, einfach kurz Bescheid geben.

Angefangen hat es, meines Wissens nach, mit diesem Antrag, der im Oktober 2017 zum Doppelhaushalt 2018/2019 der Stadt Stuttgart gestellt wurde, #419/2017:
–> https://www.domino1.stuttgart.de/web/ksd/ksdRedSystem.nsf/0/F34F17E55FB079EAC12581BE0047BBD5
Der Inhalt von Punkt 3b, auf einen Satz zusammenfasst: Die Stadt soll 60 Fahrradgaragen, speziell für hochwertige Pedelecs und Lastenräder in den Wohngebieten für die Bewohner:innen bauen und kriegt dafür 400.000€. Er wurde im entsprechenden Unterausschuss angenommen, wenn auch mit einer nur knappen Mehrheit. Daraufhin ist jedoch nichts passiert, was man als Außenstehender bemerkt haben könnte.

Im Oktober 2018, also etwa ein Jahr nach dem Beschluss, hat der Zweirat Stuttgart diesen Antrag öffentlich gemacht und auch mit Hilfe des Stuttgarter Magazins Lift innerhalb kurzer Zeit mehrere Hundert Interessierte Stuttgarter Einwohner:innen gefunden, die einen solchen sicheren (Lasten-) Radparkplatz haben wollen.
–> https://zweirat-stuttgart.de/2018/10/19/die-stadt-will-fahrrad-garagen-bauen/
Die Interessierten wurden kartiert und es waren schnell viele Stellen, wo die geforderten vier Parteien in unmittelbarer Nähe wohnten. Damit hätte man sofort diesen Auftrag des Gemeinderates umsetzen können.
Die Reaktion der Stadt war jedoch verwirrend. Anstatt sich für die Initiative zu bedanken, wurde sehr schnell vom Stadtsprecher verkündet, dass es „nicht stimme“. Bis heute hat er jedoch noch keine Antwort darauf gegeben, was an der Zweirat-Darstellung falsch sein soll. Dann legte er nach und behauptet, dass „der [Gemeinde-] Rad das nicht beschlossen“ hätte, worauf er sogar von einer Gemeinderätin korrigiert wurde.
–> https://twitter.com/svmatis/status/1054748676411809792
Was der Hintergrund dieser Aussagen des Stadtsprechers ist, ist bis heute nicht bekannt.

In Februar 2019, vermutlich auf Druck des Radentscheid Stuttgart, wurde diese Seite auf der Homepage der Stadt veröffentlicht:
–> https://www.stuttgart.de/item/show/466797/1/3/668707
Auch hier ist wieder zu lesen, dass die Stadt Radgaragen in Wohngebieten erstellen will. Von Lastenrädern ist schon nichts mehr zu lesen. Ein Konzept solle im Sommer vorgestellt werden.
Am 9. Juli 2019 stand das Thema Fahrradgaragen dann auf der Agenda des Radforums PG1. Dieses Radforum ist zwar eine öffentliche Veranstaltung, die jedoch nicht öffentlich beworben wird. Hier wurde ein Bild von einer potentiellen Fahrradgarage gezeigt. Da war klar, dass Lastenräder dort sicherlich nicht rein passen werden. Auch der angedachte Ort unter der Paulinenbrücke ließ die Interessierten verwundert zurück. Das ist definitiv kein Wohngebiet. Ob ich das damals gezeigte Bild veröffentlichen darf, ist mir aktuell nicht klar, es ist aber schon sehr nah an der aktuell aufgestellten Garage.
Letztendlich wurde gesagt, dass dies nun ein Pilot sei (Quelle). Ich kann mich erinnern, dass diese Pilotphase nun erstmal zwei Jahre gehen soll (Quelle), bevor irgend welche weiteren Überlegungen und Planungen durchgeführt werden. Schnell war man auch dabei, eine Entgeltordnung für diese Garagen zu erstellen. Während Autofahrer:innen in Stuttgart lediglich 30,70€ für einen Anwohnerparkausweis zahlen müssen, ist ein solcher Stellplatz in dieser Garage für 90€ im Jahresabo oder für 1€ pro Tag buchbar.

Zu den angesprochenen, angeblich rechtlichen Problemen:
1. gibt es alleine im Stuttgarter Westen etwa 9.500 Parkplätze (Untersuchung dazu). Hiervon nun ganze zehn Parkplätze für solche Fahrradgaragen umzuwidmen, sollte doch absolut kein Problem sein. Erst recht nicht in einer Stadt, die zumindest irgendwie probiert den Eindruck zu vermitteln, eine „echte Fahrradstadt“ (Quelle dazu) sein zu wollen.
2. habe ich in Leipzig gelernt, wie sie Fahrradbügel auf die Straße/Parkplätze bringen konnten. Sie haben die weißen Straßenbegrenzungslinien einfach um diese Fahrradparkplätze gezogen. Somit waren sie nicht mehr Teil der Straße, sondern man konnte damit alles andere anstellen. Es gibt also kreative Lösungen, wenn man etwas umsetzen will. Während anderswo Lösungen suchen, hat man in Stuttgart immer wieder den Eindruck, dass hier mit viel Aufwand immer wieder nur Ausreden gesucht werden.
3. gibt es diverse Städte in Europa und auch in Deutschland, die es schon geschafft (oder soll man schreiben „gewollt“) haben, sichere Fahrradstellplätze für die Anwohner:innen bereitzustellen, siehe hier.

Mein Vorschlag wäre ja, dass diese Fahrradgaragen in die Wohngegenden mitten auf die Straßen gestellt werden. Diese werden aktuell fast immer nur als bequeme und ampelfreie Durchgangsstraßen genutzt. Diese neuen Garagen könnten daraus dann viele Sackgassen machen, mit einem roten Fahrradweg, der trotzdem noch durch führt; sie ständen direkt vor den Häusern der Radbesitzer:innen, würden sogar keine dieser ach-so-wichtigen Parkplätze wegnehmen und eine Art „Superblock-Straßennetz“ erzeugen, mit dem andere Städte schon sehr gute Erfahrungen gemacht haben (Quelle). Nebenbei wird der Autoverkehr deutlich reduziert und um diese Garagen könnten noch kleine Parks, Bäume oder eben freie öffentliche Räume entstehen, wo Menschen mitten in der Stadt dann leben können und nicht nur toter Platz für fahrende oder parkende Autos bereitgestellt wird. In relativ kurzer Zeit würde die Anzahl der Autos dadurch stark sinken und man gewinnt weiteren, wertvollen Platz für die Stadtbewohner:innen.
Das stelle ich mir unter einer #Fahrradstadt oder einer lebenswerten Stadt vor.

Fazit
Inzwischen sind über zwei Jahre seit dem beschriebenen Antrag vergangen. Es gibt keine einzige Fahrradgarage in Wohngebieten, obwohl es schon 60 sein sollten. Von dem beantragten Geld ist nichts für den eigentlichen Zweck verwendet worden. Es gibt jetzt nur diesen einen Pilotversuch, der über zwei Jahre laufen wird, bis die Stadt über das weitere Vorgehen entscheidet. Lastenräder kann man in dieser Garage überhaupt nicht abstellen.
Es fällt mir schwer, an dieser ganzen Geschichte etwas positives zu sehen. Und ich will gar nicht daran denken, dass es in anderen Bereichen, wo ich mich nicht eingearbeitet habe, ganz ähnlich läuft.

eine Millionen Radfahrer:innen!

eine Millionen Radfahrer:innen

Update weiter unten, sie ist gefunden! 🙂

In Stuttgart gibt es zwei Zählstellen, die die Fahrradfahrer:innen zählen.
Im letzten Jahr wurden an der Frequentierteren 990.866 gezählt.
Vor ein paar Wochen ist mir aufgefallen, dass dieses Jahr durchaus die in unserem Dezimalsystem magische Zahl von 1.000.000 geknackt werden könnte. Also habe ich immer mal wieder einen Blick auf die Seite mit den nicht-so-ganz-live-Daten geworfen, aber letzte Nacht selbst nach 2:00 keinen aktuellen Stand mehr gesehen.
Heute früh um 07:18 ging dann mein Telefon – bis ich das jedoch im Tiefschlaf soweit verstanden habe, dass ich rangehen konnte, war es natürlich schon zu spät. Eine Minute später, als ich halbwegs wach war, dann eine SMS: „Es fehlen noch 670, ich fahre jetzt los!“

Screenshot von stuttgart.de

Screenshot von stuttgart.de

Plötzlich hellwach überlegte ich mir noch schnell, was ich jetzt auf die Schnelle organisieren könnte. Ich packte meine Kamera ein, Banner vom Radentscheid und Zweirat, ADFC-Logos und den Rucksack-Überzieher mit der 1,5m Abstandskampagne der Stadt. Mit den nicht vollen Akkus des Lastenrades, der Musikanlage und der Kamera eilte ich runter und packte alles zusammen.
Um 7:38 war ich dann auf dem Rad unterwegs und kam einundzwanzig Minuten später an der Zählstelle an: auf dem Zähler stand 502. Glück gehabt, noch nicht zu spät!

Ich packte die Kamera aus, hängte die Banner, Logos und den Rucksack auf und wartete.
eine Millionen Radfahrer:innen!Tobias kam kurz darauf auch noch an und wir warteten eben zusammen. Die Spannung stieg und der Zähler kletterte immer näher an die heute relevante Zahl 670.
Das Bild ist übrigens tatsächlich von heute und dieser Radler war nicht der Einzige in kurzen Hosen! Dass es gerade noch nicht winterlich kalt ist, ist klar. Aber für kurze Hosen wäre es mir doch deutlich zu kalt.
Und ein Velomobil ist auch vorbei gefahren.
eine Millionen Radfahrer:innen!
Teilweise kamen ganze Pulks von Radfahrenden an, hier und da drückte ich mal wieder ab; immer das gelbe „Wir glauben an das Fahrrad“-Banner vom Zweirat und das Radentscheid-Stuttgart-Banner im Hintergrund.
eine Millionen Radfahrer:innen!
Gegen 8:30 schaltete ich auf der Anlage dann „We are the Champions“ ein und um 8:33 war es dann soweit: Der Zähler sprang auf 670!
Eine Dame mit einem silbernen Kettler-Alurad und grünen Schutzblechen hat den Zähler auf die Millionen gesetzt! Ohne genaueren Plan, was wir jetzt mit der Situation machen sollten kuckten wir uns bedröppelt an, beglückwünschten sie zu ihrer „Leistung“ und dann fuhr sie schon weiter.eine Millionen Radfahrer:innen!

Inzwischen gibt es auch noch einen „Videobeweis“ der einmillionsten Durchfahrt und wir müssen feststellen, dass es tatsächlich jemand anderes war. Zu zweit da zu stehen und mit anderen Radfahrer:innen und auch Fußgänger:innen zu reden und gleichzeitig irgendwie noch diesen historischen Moment einzufangen war etwas herausfordernd.
Unter dem Twitter-Account vom ADFC Stuttgart ist ein Foto aus dem Video veröffentlicht – und daraufhin hat sich sogar auch die Fahrerin gemeldet:

Videobeweis der millionsten Durchfahrt

Videobeweis der millionsten Durchfahrt

Natürlich hat es danach nicht aufgehört, der (vermutliche) Pendlerstrom riss nicht ab und es fuhren weiterhin Radfahrer:innen vorbei.
eine Millionen Radfahrer:innen!

Natürlich ist dies ein schönes Zeichen, aber bei dieser Gelegenheit muss auch Kritik geäußert werden. Nicht nur, dass die Beschilderung an dieser Stelle etwas verwirrend ist. Das kennen wir Radfahrer:innen ja schon zu genüge, dass der Radverkehr nie so richtig ernst genommen wird.
Auch ist diese Strecke bereits seit Jahren ein schlechter Kompromiss. Man sieht ganz gut, dass es dort einfach viel zu eng ist. Überholen ist dort überhaupt nicht möglich, weil man in der Kurve etwas mehr Platz braucht und man auch schlecht sehen kann. Bei entgegenkommenden Radler:innen, vor allem bei Lastenrädern oder mit (Kinder-) Anhängern wird es dort schon sehr eng!
eine Millionen Radfahrer:innen!

Auch die Zahl „eine Millionen“ könnte man etwas kritisch betrachten. Bereits im letzten Jahr hatte man vermutet, dass die Millionen bereits erreicht worden ist, jedoch die Zählstelle für einige Tage defekt war und überhaupt nichts zählte. (Leider finde ich diese Diskussion dazu nicht mehr.)
Da jetzt etwa 15.000 Fahrten pro Woche gezählt werden, wird es somit eine minimale Steigerung von vielleicht 2-4% der Radfahrenden dort geben.
Auch wenn man sich die detaillierten Zahlen dieser Zählstelle seit Beginn anschaut, macht es nicht den Eindruck, dass dort ein rasanter Anstieg der Durchfahrten bemerkbar ist. Die Stadt hätte gerne einen Radverkehrsanteil von 25%, also eine verdrei-/vervier-/verfünffachung des Wertes von 2012. Wenn ich jedoch stichprobenhaft den Wert von August 2012 (92.148) mit dem vom August 2019 (114.079) vergleiche, komme auf eine Steigerung von nur 23% in sieben Jahren.
Viele Leute würden ja gerne mit dem Rad fahren – aber sie brauchen dafür sichere und gute Angebote! Solange die Stadt immer mal wieder die Fahrradstraße als Umleitung einer zweispurigen Bundesstraße benutzt, sich fast ein Jahr mit einer 350m langen/kurzen und nicht besonders effektiven Fahrradstraße beschäftigt und in den letzten zwei Jahren gerade mal 2,5km neue Radstrecken (was auch immer das wieder sein soll?! Hier die Quelle) erstellt hat, werden nur sehr wenige der großen Gruppe der „Interessierten“ umsteigen. Die „Furchtlosen“ und „Gewohnheitsfahrer“ sind jetzt schon unterwegs – ganz egal, was die Stadt im Bezug auf den Radverkehr (nicht) macht. Diese Phantasiezahl der „180km Radwege“, die von der Stadt Stuttgart immer wieder genannt wird, wurden im Zuge des Radentscheids schon mal entzaubert. Bei einem Straßennetz von etwa 1.500km gibt es in Stuttgart lediglich acht (8!) Kilometer richtige Radwege!

Wir haben auch beim Beobachten des Zählers bemerkt, dass dort mitnichten jede Durchfahrt gezählt wird. Diese Beobachtung haben schon viele gemacht, wie man immer wieder lesen kann. Eines Tages könnte man sich vielleicht mal eine Stunde mit einer Kamera hinstellen und diese Vermutung mit Zahlen belegen.

Dass der weitere Verlauf in beide Richtungen von dieser Zählstelle verbesserungswürdig ist, weiß auch jede:r Radler:in. In Richtung Bad Cannstatt wird man nach einer weiteren Bettelampel direkt zwischen parkende und zweispurig fahrende Autos entlassen, vor denen man an der Stelle noch mit einer Betonwand geschützt wird; in der anderen Richtung landet man nach ziemlich unebener und kurviger Strecke im Park zwischen den Fußgänger:innen. Just heute auf der Rückfahrt stand 200m hinter der Zählstelle ein Lastenradfahrer und hat probiert Scherben von der Radspur zu entfernen.

Zuletzt fragt man sich als IT-affiner Mensch, wieso die Daten der Zählstelle eigentlich nicht als Open Data, also als offene Daten vorliegen, mit denen jede:r rumspielen kann, Apps entwickeln, Grafiken und Verläufe erstellen kann, und so weiter. Wenn die Daten erst mal frei verfügbar wären, werden sie bestimmt auch sinnvoll verwendet.

Kurz bevor ich wieder zuhause war, war mein Lastenrad-Akku dann leer und ich musste mit dem beladenen Rad nun nicht nur ohne Unterstützung durch die Stadt, sondern auch noch völlig ohne Motorunterstützung den letzten Kilometer leicht bergauf fahren.

Fahrradstraße

Diesen Beitrag habe ich auf der Seite vom Zweirat Stuttgart geschrieben. Dort wurde jedoch entschieden, dass er dort nicht hinpasst, deswegen veröffentliche ich ihn eben hier:

Die Straßenverkehrsordnung sieht Fahrradstraßen vor. Analog zu einer Autobahn, bzw. Kraftfahrstraße, auf der nur Autos und keine Fahrräder erlaubt sind, verhält es sich auf diesen Fahrradstraßen: KFZ sind verboten!
Solche Fahrradstraßen gibt es selten in Deutschland und oft sind sie in Verbindung mit dem Zusatzschild „KFZ frei“ oder „Anlieger frei“. Jetzt hat die Stadt Stuttgart endlich eine erste Maßnahme aus dem zwei Jahre alten Beschluss des Gemeinderates zur „Lebenswerten Stadt für alle“ (Link) umgesetzt und eine 300m lange Straße zur Fahrradstraße umgewidmet.

Der Schritt ist jedoch nur minimal und daher sehr ernüchternd. Zum einen ist ein 300m kurzes Stück Straße in einem Straßennetz von fast 1500km lächerlich wenig. Abgesehen davon war diese Fahrradstraße davor schon da, nur eben mit einem genannten Zusatzschild „Anlieger frei“. Jetzt sind dort drei Zusatzschilder, nun sind nur noch „Taxis frei“, „Lieferverkehr von 5-11 Uhr frei“ und „Mobilitätseingeschränkte Personen frei“. Also immer noch nicht autofrei, aber ein bisschen mehr.
Dazu kommt noch, dass beide Enden dieser Fahrradstraße nicht besonders gut gelöst sind. An der Seite des Tagblatt-Turms muss man als Radfahrer:in querenden Autos auf dem Weg zum Parkhaus Vorfahrt gewähren, auf der anderen Seite geht es dann über den schlechten Radweg an der Holzstraße über eine Tiefgaragen-Ausfahrt, man quert eine Straße, die heftig von Schleichverkehr genutzt wird, muss dann an einer Litfasssäule über einen gemischten Rad- und Gehweg vorbeifahren, ohne daran vorbei sehen zu können und hat dann, je nach weiterer Fahrtrichtung, mindestens drei Ampeln, die man überqueren muss.

Alleine diese minimale Änderung hat jedoch den SWR auf den Plan gerufen und er hat einen Bericht über diese Fahrradstraße gemacht und in der Sendung „Zur Sache! Baden-Württemberg“ ausgestrahlt. Der Zweirat/Radentscheid wurden eingeladen, um dabei teilzunehmen. Leider sind von den vielen Aussagen, die wir in dem über einstündigen Dreh mit Interview machten, fast keine im ausgestrahlten Beitrag gekommen. Das ZDF war übrigens zeitgleich dort und hat auch gefilmt, allerdings zusammen mit dem Ordnungsamt.
Zum Beitrag: Natürlich machen wir ab und zu mal Fotos von der Stuttgarter Infrastruktur. Damit wollen wir dokumentieren, dass die Lösungen, die die Stadtverwaltung ausgedacht hat, in vielen Fällen einfach nicht funktionieren. Wenn man innerhalb weniger Sekunden mehrere Autos sehen kann, die ordnungswidrig in diese Fahrradstraße einbiegen (wie hier auf facebook), dann ist das ein sehr gutes Indiz dafür, dass diese Maßnahme so einfach nicht funktioniert.

Um einen Verbesserungsvorschlag zu machen, der kaum teurer gewesen wäre, aber deutlich effektiver und dem Anspruch einer lebenwerten Stadt viel gerechter gewesen wäre: man hätte den Durchgangsverkehr entfernen müssen. Die Einfahrt von der Holzstraße aus mit Pollern, Bordsteinen oder großen Blumenkübeln absperren. Somit kann man die Fußgängerzone aus der Marktstraße bis an die Holzstraße erweitern können. Mit roter Farbe auf dem Boden hätte man den Fußgänger:innen verdeutlichen können, dass hier ein Radweg durchführt. Auf dem freigewordenen Platz könnte man weitere Bäume pflanzen, Sitzgelegenheiten aufbauen oder auch z.B. eine große Schaukel aufstellen. All das macht eine Stadt deutlich lebenswerter, als dieser freie Platz, der ständig nur von Falschparkern missbraucht wird.
Im Endeffekt wird es dadurch eine Sackgasse und der KFZ-Verkehr meidet aufgrund des zusätzlichen Aufwandes, um zu wenden und dann erfolglos wieder heraus zu fahren, nach relativ kurzer Zeit vermutlich von ganz alleine diese Straße.

eine bessere Lösung für die Fahrradstraße

eine bessere Lösung für die Fahrradstraße

Wir wünschen uns – und fordern es für die 35249 Menschen, die für den Radentscheid Stuttgart unterschrieben haben – dass effektive Maßnahmen für den Radverkehr in der Stadt umgesetzt werden. Dazu gehört ein durchgängiges und sicheres Radwege-Netz! Jeder Mensch, von 8 bis 80 soll in der Lage sein, sicher und ungefährdet durch die Stadt radeln zu können. Das geht nicht mit ein bisschen Farbe, wie dieses Blau in der Eberhardstraße oder das Rot auf der Theodor-Heuss-Straße. Der OB Kuhn hat noch im Februar davon gesprochen, dass Stuttgart zur „echten Fahrradstadt“ werden soll. Der Gemeinderat hat die Forderungen des Radentscheids übernommen und sich zu noch ein paar weiteren Punkten verpflichtet. Dass jetzt beinahe ein ganzes Jahr lang an dieser Fahrradstraße geplant wurde, bis sie nun final umgesetzt wurde, ist viel zu wenig!
Bei dem Thema, was zum Themenkomplex der Verkehrswende gehört, sind alle Verantwortlichen deutlich mehr gefragt. Vom Gemeinderat müssten mehr konkrete Beschlüsse kommen, von der Verwaltung müssten mehr Vorschläge und Lösungen kommen. Sie haben freie Bahn, sie könnten und müssten sehr viel mehr bei dem Thema einbringen; durch diverse Beschlüsse sind sehr viele Maßnahmen möglich (wie z.B. die Übernahme der Radentscheid-Forderungen, der oben angesprochenen Beschluss zur lebenswerten Stadt oder das bereits zehn Jahre alte Verkehrsentwicklungskonzept). Ganz vorne dran müsste der OB stehen und immer wieder die Richtung vorgeben – leider ist er diesbezüglich völlig ohne Ehrgeiz und Profil.

großes Geschrei: autofrei

in Stuttgart macht gerade die Nachricht die Runde, dass die ganze Innenstadt in naher Zukunft autofrei werden soll.
Das verwundert mich aus verschiedenen Gründen.

1. ist dieser Beschluss bereits über zwei Jahre alt, hier die Meldung von 2017. Warum er nun ausgegraben wird, kann ich nicht so ganz einordnen. Warum der Auftrag aus dem Haushalt 2018/2019 jetzt bis „vor 2030“ verschoben wird, ist mir auch nicht verständlich.
Vielleicht ist das alles schon ein bisschen der vorgezogener Wahlkampf, da im kommenden Jahr hier die Oberbürgermeister-Wahlen sind.
Die Grünen, die den aktuellen OB Kuhn stellen, sind vermutlich froh über diese Meldung, dass ihr „Chef“ endlich mal etwas macht, für das er bereits 2012 gewählt wurde. Und die Konservativen, inkl. des Handelsverbands und der IHK springen da natürlich auch gleich auf, weil sie alleine bei dem Begriff schon den kompletten Untergang der westlichen Welt kommen sehen. Dabei können sie sich überhaupt nicht vorstellen, dass eine autofreie Innenstadt für den Handel sogar Vorteile bringt. Das ist erst in Madrid beobachtet worden, aber auch z.B. im auto-verliebten Nordamerika, wie in Toronto oder Salt Lake City.
Oder, wie beim Spiegel ein Forscher der TU Harburg nach einem Versuch dort zitiert wird:

Es ist kein Projekt dieser Art weltweit bekannt, das gescheitert ist.

2. geht es überhaupt nicht um eine autofreie Innenstadt. In dem Beschluss wird immer wieder genannt, dass selbstverständlich der Lieferverkehr weiterhin fahren darf. Eine zeitliche Einschränkung für diesen Verkehr funktioniert seit Jahrzehnten auf der Königstraße schon nicht: dort darf man eigentlich nur bis 11:00 fahren, tatsächlich ist dort den ganzen Tag über Lieferverkehr.
Außerdem werden die Zufahrten zu den Parkhäusern und Parkplätzen weiterhin zugelassen. Auf der Karte weiter unten habe ich mal alle Parkhäuser von google über die OpenStreetMap Karte gelegt. Überall dorthin werden weiterhin noch Autos fahren dürfen und wie bereits jetzt z.B. an der Marktstraße vor dem bekannten, lokalen Modehändler zu sehen ist, werden Park- und Halteverbote von KFZ-Fahrer:innen sowieso konsequent ignoriert und genauso konsequent auch weder von der Stadt noch von der Polizei effektiv durchgesetzt.
Selbst der Sprecher der Stadt redet lediglich davon, dass es um eine „Reduzierung des Verkehrs“ geht.

3. ist die Innenstadt sowieso schon irgendwie weitgehend (so eine Art) autofrei. Auf der Karte sind alle Fußgängerzonen innerhalb des Cityrings blau eingezeichnet. Dazu habe ich lila die Straßen markiert, auf denen normale Autos jetzt eigentlich schon nicht fahren dürfen (abgesehen von Taxis) oder nicht fahren sollten; und, weil es teilweise ein sog. Shared Space ist, ist dort auch eine Halteverbotszone, die ebenso konsequent ignoriert und nicht durchgesetzt wird.

4. geht es sowieso nur um wenige Meter. Der aktuelle Aufreger, also der Bereich, von dem man gerade als „autofrei“ spricht, sind die ca. 350 Meter auf der grün eingezeichneten Eberhardstraße. Dazu soll, laut der Meldung ganz oben, irgendwann noch die Dorotheenstraße in dieses Konzept integriert werden. Da das aber noch nicht mal ansatzweise mit einem Termin genannt ist, habe ich diese Straße (die schräg über dem Schriftzug Stuttgart-Mitte direkt in ein Parkhaus verläuft) noch nicht eingefärbt.

Es ist also viel Geschrei um den Begriff autofrei – offenbar ohne dass sich jemand mal mit der Thematik befasst hat.
Die einen feiern es, die anderen verteufeln es – letztendlich wird am Ende (fast) nichts passieren.

"autofrei" in Stuttgart

Was in der Stadt Stuttgart unter „autofrei“ verstanden wird.

Update 1: Die Jahreszahl der OB-Wahl in Stuttgart musste ich korrigieren. Meine Erinnerung gaukelte mir 2010 vor, die Wahl war jedoch im Oktober 2012, hier die Details.
Update 2: Just am selben Tag, als ich das niedergeschrieben habe, zeigt uns San Francisco, wie man mit 600Mio$ das Konzept #autofrei auch anders durchsetzen kann, hier der Einstieg dazu bei twitter.

in Kassel

auf dem „Nationalen Radverkehrskongress“ habe ich noch mit den Leuten vom Radentscheid Kassel gesprochen. Sie haben die Ausstellung „Fahr Rad! Die Rückeroberung der Stadt“ organisiert und in einer Documenta-Halle aufgebaut. Das hörte sich interessant an und ich hatte den Termin jetzt spontan wieder im Kalender gefunden und auch nichts anderes. Jetzt musste ich nur noch ein Zugticket besorgen und dann konnte es schon losgehen. Verwundert war ich darüber, dass man auf der Seite der Bahn sogar die FlixTrain-Züge angezeigt bekommt und diese sogar günstiger sind. Mein Reiserad ist gerade noch fertig geworden, also nehme ich es mit und beschließe, damit dann wieder heim zu fahren. Was der FlixTrain mit der Bahn gemeinsam hat: beide können Verspätung haben. Zwar „nur“ etwa eine halbe Stunde – aber wenn man schon um 06:31 losgefahren ist, ist das doppelt ärgerlich.

Vor der Ausstellung war ich erst noch in einem Workshop, der ein paar „Bottom Up“-Projekte aus Deutschland vorgestellt und diskutiert hat. Dabei waren die Freien Lastenräder, die Nordbahn-Trasse aus Wuppertal und die Parklets aus Stuttgart.
Am Tag drauf standen zwei Radtouren auf dem Plan. Eine vom ADFC, wovor mir schon alle Angst gemacht haben. „Die Andrea ist sauschnell, da kommt man kaum hinterher!“ Sowas beeindruckt mich aber nicht, es gibt tatsächlich wenige Radler, die zum Spaß fahren und denen ich nicht mal im Windschatten hinterher käme. Es war dann auch bei weitem nicht so; für die angekündigte 30km Tour ab 10 Uhr waren wir um 12:30 gerade mal bei 35km. Da stieg ich dann aus und wechselte zur zweiten Tour vom Radentscheid Kassel zu den Unesco-Weltkulturerbe-Wasserspielen „beim Herkules“. Ich musste mir noch ein paar Sprüche anhören, dass die Kasseler ja sehr trainiert seien, weil ihre Stadt so viele Berge hätte. Die Mountainbikes sahen auch so aus, die Leute aber weniger. Also ließ ich mich als „Flachland-Gast“ beschimpfen und dachte mir einfach meinen Teil. Allerdings sagte ich noch, dass sie auf mich keine Rücksicht nehmen bräuchten, ich komme sicherlich hinterher. Ich habe es dann auch nicht geschafft, immer hinten zu bleiben, sondern bin oft wieder ganz vorne gelandet. Naja – auf einem Stück haben dann sogar alle Guides aus Kassel schieben müssen, während ich eigentlich immer noch recht gemütlich hoch gefahren bin. Dort ging es ähnlich wie in Stuttgart etwa 200 Höhenmeter rauf, etwa die Hälfte davon mache ich ja schon zweimal täglich auf meinen Pendelstrecken.

Die Wasserspiele sind dann ein Touri-Magnet. Die meisten BesucherInnen warten ganz oben aufs Wasser und sobald es da ist, laufen sie den Berg weiter runter zur nächsten „Attraktion“. Wir waren erst an der „Teufelsbrücke“. Diese sieht vorher/nachher etwa so aus:
Sehr schön sind dort die Horden von Touristen zu sehen. Denen konnten wir mit den Rädern auf einer etwas parallelen Straße jedoch ganz gut entfliehen.
Der nächste Punkt war dann das Aquädukt. Auch hier wieder ein vorher-Bild ohne Wasser.
Und dann das nachher-Bild mit Wasser. Die meisten sind direkt in der Sekunde, als das Wasser herabstürzte, schon weiter nach unten gezogen. Ganz so, als ob sie richtig Stress hätten….
Am Ende kommt das Wasser dann an einem Schloß in einer großen Fontäne wieder zum Vorschein. Also wieder ein Punkt, den ich auf meiner Liste abhaken kann (obwohl ich nicht mal wusste, dass der da überhaupt drauf stand). Abends suchte ich dann noch schnell was zum Essen in der Stadt und war – so hungrig wie ich eben war – etwas verwirrt über diesen „Ranzenladen“. Es hätte mich nicht verwundert, wenn es dort tatsächlich etwas zum Essen, also für den Ranzen gegeben hätte.

#StuttgartParktFair

letztes Jahr im Spätherbst hat die Stadt eine neue Kampagne vorgestellt: „Stuttgart Parkt Fair“. Damit wollte sie auf die Einsicht der FalschparkerInnen hoffen, die sie auf ihr Fehlverhalten hinweist. Eine solche Kampagne wird alle paar Jahre neu durchgeführt, weil man eben feststellt, dass die bisherige überhaupt nichts gebracht hat.

Auch die aktuelle Aktion bringt wieder überhaupt nichts, daher geht der Hashtag #StuttgartParktFair bei twitter ein bisschen rund, meist verbunden mit einem Bild von einem falschparkenden Auto. Diese Autos stehen wie selbstverständlich in jeder noch so störenden Position, die zugehörigen FahrerInnen haben inzwischen gelernt, dass man in Stuttgart offensichtlich nichts befürchten muss. Tagsüber kümmert sich das Ordnungsamt ein bisschen um Falschparker, wenn sie Feierabend haben, müsste es die Polizei machen (was sie aber definitiv nicht macht).

Jetzt hat die Stuttgarter Zeitung diesen Mini-Trend bemerkt und einen Bericht dazu erstellt. Anfangs waren dort einfach ein paar Tweets in dem Bericht eingebunden. Dann hatte wohl jemand kalte Füße bekommen und aus den Tweets wurden Screenshots auf denen die Kennzeichen unkenntlich gemacht wurden. Dieses Ammenmärchen mit den verpixelten Kennzeichen hält sich wacker, wobei es bereits 2007 ein Urteil dazu gibt, das eindeutlig aussagt, dass es überhaupt kein Problem ist, solche Kennzeichen zu veröffentlichen.

Dieser Bericht war mindestens einen Tag lang unter den Top 5 der meistgelesenen Artikel auf der Homepage des Blattes. Vermutlich hat die Zeitung gemerkt, dass sie damit einen Nerv getroffen hat. Die veröffentlichten FalschparkerInnen, inkl. dieses Hashtags, wurden immer mehr, es gibt jetzt sogar ganz neue Twitter-Accounts, die nur solche FalschparkerInnen posten. Vermutlich haben sich auch ein paar dieser ertappten FalschparkerInnen auch bei der Zeitung beschwert.
Die Zeitung versucht nun die „an den Pranger stellenden“ wiederum selbst an den Pranger zu stellen und schreibt einen zweiten, etwas schärferen Artikel. Jetzt werden Zahlen hinzugefügt und Beteiligte kommen zu Wort. Damit ist die Stuttgarter Zeitung jedoch überfordert. Von der Stadt lässt sie sich die bekannte Beschwichtigung erneut erzählen, ohne auch nur ein bisschen kritisch nachzufragen. Die Stadt steht auf dem Standpunkt, dass sie nur in Brandschutzzonen, auf Behindertenparkplätzen und auf e-Ladezonen abschleppen muss. Die deutschlandweite ist anders, aber das stört bei der Stuttgarter Verwaltung niemand. Meist kommt dann das Argument, dass man ja liebend gerne mehr abschleppen würde, aber man habe einfach kein Personal. Auch hier könnte man ja mal nachfragen, was daran hindert, dass genügend geschultes Personal eingestellt wird?
Nebenbei: Ich würde den Job sogar für zwei oder drei Stunden pro Woche ehrenamtlich machen, wenn zumindest ein Teil der „Einnahmen“ dann an ein von mir bestimmtes gemeinnütziges Projekt gespendet wird.
Den vierten Spieler am Tisch, die Polizei, kommt in dem Artikel gar nicht zu Wort. Auch hier gäbe es ein paar Fragen zu stellen, und sich natürlich nicht von dem allgemeinen Marketing-Geschwätz einlullen zu lassen. Immerhin werden in Stuttgart Kinder auf dem Gehweg überfahren (sic!). Ein Grund dafür sind evtl. versperrte Sichtachsen, die Kinder sehen die Autos nicht, die Autos sehen die Kinder nicht. Aber solange der Polizeipräsident Lutz öffentlich aussagt, dass er kein Interesse daran hat, sich um die Einhaltung der StVO zu kümmern, wird das vermutlich weiterhin vorkommen. Das krasseste Beispiel wurde erst vor wenigen Wochen verhandelt: eine Frau fuhr in eine SUV ein Kleinkind auf einem Parkplatz tot und wurde kurz darauf sogar mit dem Smartphone am Ohr erwischt. Ein solches Verhalten zeigen nur Menschen, die von der Polizei und dem Ordnungsamt nichts zu fürchten haben.

Auch die Mär von dem „Parkdruck“ könnte man mal hinterfragen. In den Stuttgarter Innenstadtbezirken ist seit dem Jahr 2000 die absolute Zahl der privaten Autos um etwa 10% zurück gegangen – und das, obwohl die Stadtbezirke im ähnlichen Maßstab gewachsen sind. Diese Zahlen gibt es auf den Seiten der Stadt, müsste man nur recherchieren. Wenn es jeder „interessierte Bürger“ kann, sollte es für MitarbeiterInnen einer Zeitung doch ein Klacks sein. Gäbe es wirklich diesen „Parkdruck“, würden die Leute sich nicht mehr und mehr dieser SUVs anschaffen, sondern – wenn überhaupt Autos – dann die kleinsten, die es gibt. Oder eben Roller, wie man das in jeder italienischen Stadt sehen kann. Wenn es diesen „Parkdruck“ wirklich gäbe, dann wären die Parkhäuser nicht jede Nacht leer, während die Leute direkt davor falsch parken. Es herrscht einfach ein Bewusstsein vor, dass man „sein heiligs Blechle“ immer und überall abstellen darf – und in den meisten Fällen stimmt das ja auch. Das Ordnungsamt und die Polizei dulden das alles.

Aber der Höhepunkt der Berichterstattung ist immer noch nicht erreicht. Die Journalistin hat jetzt beim Datenschutzbeauftragten des Landes BW nachgefragt und dort ist man der Meinung, dass diese Fotos nicht legal veröffentlicht sind (und das obwohl es ein anders lautendes Urteil gibt, siehe oben). Auch hier wieder keine Nachfragen. Dieser Datenschutzbeauftragte ist übrigens auch der Meinung, dass der Name von Anzeigenerstellern zwingend auf dem Brief zu stehen hat, der den Beschuldigten vorgelegt wird. Das setzen andere Bundesländer (wie z.B. Hessen) anders um und stützen sich auf die selbe, europäische Grundlage. Seltsam, diese Datensparsamkeit. Bei Autos fordern, bei Menschen nicht.

Die weiteren Schritte sind jetzt noch in einer fernen Zukunft. Vielleicht schafft es die Zeitung aber ja mal tatsächlich, sich mit dem real existierenden Problem des immer-und-überall-Falschparkens zu beschäftigen und dafür von der Stadt und der Polizei konkrete Lösungen abzuverlangen.

Als Fazit möchte ich Hermann Knoflacher nennen, der ein Buch mit dem Titel „Virus Auto“ geschrieben hat. Dort wird erklärt, dass normale Menschen kaum noch rational denken können, sobald sie im Besitz eines Autos sind. Der Datenschutzbeauftragte scheint so zu denken, die MitarbeiterInnen bei der Stadt, die Polizei. Alle haben dieses irrationale „Verständnis“ für FalschparkerInnen, für angeblich illegal veröffentlichte Kennzeichen und sehen überhaupt kein Problem darin, dass es auf Stuttgarter Straßen über 28.000x im Jahr kracht, mit all den Toten und (Schwer-) Verletzten. Alles wird dem Auto untergeordnet und eine lebenswerte Stadt bleibt in weiter Ferne.

Für mich ein weiteres Beispiel, wieso die Stuttgarter Zeitung, bzw. ihr Pendant die Stuttgarter Nachrichten, absolut kein Abo-Kandidat ist. Neben dem Aufbau von solchen Internet-Prangern fällt sie bei mir regelmäßig dadurch auf, dass sie alle paar Monate wieder die alten Listen „Stuttgarts 10 beste Brunch-Locations“ (und noch mehr in dem Stil) auspackt. Sonst halt viel Fußball und sonstiges, irrelevantes. Eine gut recherchierte Geschichte, wie man es in anderen Zeitungen findet, sucht man hier meist vergebens – aber das scheint offenbar auch nicht der Ansporn dieser Zeitungen zu sein.

Spezialrad-Messe

Anreise zur Spezi
von dieser „Spezi“, der Spezialrad-Messe in Germersheim habe ich schon einiges gehört. Dieses Jahr ist es soweit: ich fahre tatsächlich mal hin. Neben „normalen“ Lastenrädern gibt es dort – wie es der Name schon sagt – jede Menge Spezialräder. Alles, was man sonst nur in diesem Internet auf Bildern sieht, kann man hier in echt sehen und vieles davon auch direkt fahren. Ich habe mich mal auf ein paar Liegeräder gesetzt – das geht, wenn auch etwas wackelig. Aber ein großer Freund davon werde ich vermutlich nicht. Liege-Trikes dann schon eher. Und ich bin jetzt auch mal so eine „Zigarre“/“Rakete“ gefahren, also ein vollverkleidetes Liegerad, was in der Fachsprache „Velomobil“ heißt. Davon habe ich mir deutlich mehr versprochen. Es hat zwar von der Größe her nicht ganz gepasst, aber das war nicht das Problem. Es hat sich äußerst träge angefühlt, damit dachte ich, dass man mit solchen Rädern viel agiler unterwegs wäre. Schade.
Aber auch gut – denn sonst würde ich mir vielleicht so ein Ding auch noch mal zulegen. ;~)

Den Rückweg habe ich dann (zumindest bis zum Karlsruher Hauptbahnhof) mit diesem Yuba-Rad absolviert. Dies haben wir für die Lastenrad-Initiative von der Firma e-Lastenrad aus Heidelberg zur Verfügung bekommen.
Es kann unter diesem Link natürlich auch schon gebucht werden! Es lohnt sich auf jeden Fall, dies mal zu fahren. Es fährt sich fast wie ein ganz normales Fahrrad; selbst dann, wenn man z.B. noch eine Person hinten drauf sitzen hat. Die großen Taschen, die dabei sind, kriegt man vermutlich mit einem normalen Großeinkauf nicht voll. Und dank eMotor-Unterstützung merkt man von dem schweren Rad auch fast nix.
Rückweg von der Spezi mit Yuba-Rad

WIr hatten auf der Rückfahrt durchaus etwas Spaß mit dem Rad, als wir auf die Fähre warten mussten….

Einbahnstraße in Stuttgart

heute bin ich wieder mal an dieser Stelle vorbei gekommen. Früher was das gar kein Problem, da konnte man dort einfach so mit den Rad legal durchfahren.
Inzwischen ist das wohl nicht mehr gewünscht und die Durchfahrt ist nun komplett verboten.Einbahnstraße, verboten
Aber, wie immer hier in Stuttgart, scheint die Rad-Infrastruktur entweder nicht bedacht zu werden (ich hoffe mal, dass das stimmt und an den entsprechenden Stellen einfach „nur“ Leute sitzen, die mit ihrem Job heillos überfordert sind) – oder aktiv sabotiert zu werden.
Von der anderen Seite der Herzogstraße steht am Einbahnstraßen-Schild zumindest noch das Schild, dass Radfahrer auch entgegen dieser Einbahnstraße fahren dürfen. Und der Stuttgart-typische 15m-Radweg-Versuch ist natürlich auch auf die Straße gemalt; vielleicht ist hier auch der Diminutiv „Radwegchen“ oder, schwäbisch: „Radwegle“, passend.
Ob diese Mini-Radweg-Stückchen eigentlich auch zu den viel-genannten „180km Radwegen in Stuttgart“ gehören, von denen die Stadt immer wieder spricht?
Einbahnstraße, erlaubt

zur Messe, zweiter Tag

wir haben ja nicht nur so ein grünes Rapid von der Radkutsche im Lastenrad-Verleih, sondern auch ein Curve-E von Babboe. Das Rapid habe ich gestern mit Anhänger zur Messe gefahren, heute wäre das dreirädrige von Babboe dran. Allerdings will ich nicht schon wieder im Feierabend-Verkehr durch die ganze Stadt im Stau stehen, außerdem machen längere Strecken mit diesem Rad auch nicht soviel Spaß und ich will lieber so schnell wie möglich auf der Messe sein. Daher hole ich es ab und will es in die S-Bahn nehmen. In der Station Stadtmitte habe ich das Problem, dass viele Menschen dort sind und der Aufzug ewig langsam ist. Außerdem steht da schon ein Kinderwagen an und mir sieht der Aufzug auch zu klein (sprich: zu kurz) für das Rad aus. Etwas verzweifelt überlege ich, was ich nun tun könnte. Aber außer der Rolltreppe bleibt ja nichts anderes übrig. Um wenige Zentimeter passt das Fahrrad dort auch drauf und ich halte es gut fest, damit es nicht unkontrolliert runterfällt.
Das war ja einfacher als gedacht! ;~)

Zwei Stationen vor meinem Ziel „Flughafen/Messe“, sehe ich, dass es eine ebenerdige Station ist und überlege mir kurz, ob ich hier nicht aussteigen sollte, entscheide mich aber dagegen. Wird schon klappen. Aus der S-Bahn Station am Flughafen/Messe komme ich auch – mal wieder per Rolltreppe – eine Ebene weiter hoch, dort ist aber noch kein Ausgang. Dazu muss ich noch eine weitere Ebene überwinden. Aber jetzt ist Schluss: die Poller, die verhindern sollen, dass die Leute die Gepäckwagen überall hin mitnehmen, stehen mir als ziemlich unüberwindbares Hindernis im Weg. Ich denke mir noch, dass ich lieber doch vorher mal ausgestiegen und ein paar Kilometer hierher gefahren wäre. Bevor ich den Gedanken zuende denken kann, sehe ich einen Aufzug hinter mir, der auch gerade groß genug ist, dass ich mit diesem Rad rein und zum Ausgang komme. Voilá somit ist das zweite Rad auf dem Messestand….

Endstation irgendwo mittendrin im Flughafen/Messe

Der Weg in die Messe gestaltet sich ähnlich hindernisreich, aber auch machbar.
Man kommt mit diesen Rädern also (fast) überall hin, nur muss man hier und da mal etwas überlegen und einen anderen Weg, als den sonst gewohnten/einfachen/direkten nehmen. Vielleicht fühlen sich junge Familien mit Kinderwagen oder RollstuhlfahrerInnen ähnlich – und auf einmal sieht man seine Stadt mit etwas anderen Augen.

StVO Kenntnis

aus Berlin zurück habe ich mir ein Call-a-Bike an der Stuttgarter Hauptbahnhof-Ruine geschnappt und mich damit auf den 2km langen Heimweg gemacht. Dabei führt mich meine Route über eine dreispurige Bundesstraße, wo ich zum Teil auf der mittleren Spur fahren muss (die rechte ist eine Abbiege-Spur). Ich merke schon, dass ein Auto hinter mir fährt, ich habe aber keine Eile und lasse sowieso gerade noch einen Arm lässig zur Seite hängen. Ca. 200m später taucht auf dieser Bundesstraße auf einmal ein benutzungspflichtiger Radweg am rechten Rand auf, der dazu noch genau in der sog. „Dooring Zone“ liegt; direkt neben parkenden Autos, also dort, wo es am aller-gefährlichsten zum Radfahren ist, weil kein Autofahrer jemals mit einem Schulterblick überprüft, ob nicht ein Radfahrer von hinten kommt. Trotzdem fahre ich sofort auf diesen Weg und dann geht bei dem Auto hinter mir plötzlich das Blaulicht an, es fährt neben mich und das Fenster wird geöffnet.
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mit Banner auf der Critical Mass

nachdem ich jetzt eine Möglichkeit habe, mit einem Fahrrad-Anhänger Werbung zu fahren, wollte ich das bei der Critical Mass gleich mal ausprobieren. Bei Flyeralarm kriegt man recht günstig solche Banner in jedem beliebigen Maß und einen tollen Spruch habe ich ja sowieso auf Lager: Niemand muss Auto fahren!
Also setzte ich mich Sonntag Nacht noch hin und habe mal ein bisschen rumgespielt; mit diesem Ergebnis war ich recht zufrieden (erst viel später kam mir, dass ich ja „mein X“ im gleichen Farbdesign dort noch draufmachen hätte können):
Niemand muss Auto fahren Banner
Die Lieferzeit wird mit 4-5 Werktagen angegeben, müsste also noch bis zur Critical Mass funktionieren. Also habe ich die Bestellung abgeschickt und die Daumen gedrückt.
Und tatsächlich konnte ich etwa 1h vor der Critical Mass dies Banner abholen und noch auf den „Streitwagen“ montieren. Das sieht dann so aus, die Zugmaschine ist auf dem Bild jetzt noch nicht drauf, aber dass da an der Deichsel noch ein Rad davor gespannt wird, sollte klar sein. Für andere Demo-Arten kann man diesen Anhänger jedoch auch problemlos als Fussgänger ziehen und auf das ziehende Rad verzichten. Falls jemand dieses Gestell/Gerüst/Geländer mit Hänger mal braucht, oder diese Banner irgendwo öffentlichkeitswirksam aufhängen will, einfach kurz bei mir melden, da finden wir bestimmt eine Lösung! 🙂

Niemand muss Auto fahren Banner auf dem Streitwagen

„Niemand muss Auto fahren“-Banner auf dem Streitwagen

Bei der Critical Mass in Stuttgart sollen dieses Mal fast 1000 Leute dabei gewesen sein. Von diversen Zählern habe ich so Zahlen wie 973 oder 980 gehört. Wow – das ist mal eine Hausnummer! Dass sich in der Gesellschaft gerade etwas tut (wenn auch noch recht langsam und eher im Verborgenen) habe ich mir im Winter schon öfters gedacht, wenn ich auf meiner Pendelstrecke trotz Schnee und knackigen Minustemperaturen immer noch viele Radfahrer gesehen habe.
Und seit ein paar Wochen sehe ich eigentlich jeden Tag Lastenräder durch Stuttgart fahren. Das war „früher“ noch etwas sehr besonderes und sicherlich nichts „tägliches“.

Berta gefahren

nachdem ich mein eigenes Rad über Nacht ordentlich abgeschlossen am Büro-Parkplatz stehen lassen muss, brauche ich eine andere Möglichkeit, nach Hause zu kommen. Also flugs zum Hobbyhimmel und dort das restaurierte Oldtimer-Lastenrad „Berta“ schnappen. Dort ist gerade sowieso kein Platz mehr und in naher Zukunft sollte es vermutlich eher in der Innenstadt stehen und nicht dort „draußen“ in Feuerbach.
Allerdings habe ich nicht gedacht, dass es so ungewohnt ist, mit diesem Rad zu fahren. Dass es keinen Motor hat und somit etwas anstrengend zu fahren sein wird, war mir schon klar. Negativ überrascht war ich jedoch von der (Knick-) Lenkung. Mit dem Rad kann man eigentlich nicht geradeaus fahren, kleinste Bewegungen irgendwo im Körper resultieren sofort in einer kleinen Lenkbewegung, bei schnelleren Geschwindigkeiten zu entsprechend größeren Lenkbewegungen, die sich dazu noch aufschaukeln können. Und wenn man bremst, zieht das Rad dann auch in eine Richtung. Ansonsten ist diese dreirädrige Konstruktion ohne Neigetechnik natürlich sehr gewöhnungsbedürftig. Vom normalen Radfahren kennt man es, dass man sich in Kurven ganz automatisch „reinlegt“, auch wenn man es nicht merkt. Dieses Dreirad neigt sich dagegen keinen Millimeter. Das gibt einem ein sehr seltsames Gefühl, man meint bei jeder kleinen Kurve, dass da irgendwas nicht stimmt….
Nach 10km habe ich mich zwar langsam daran gewöhnt, mein Lieblingsrad wird das aber bestimmt nicht. Dann lieber ein Rad mit Neigetechnik (wie z.B. von Heisenberg oder Butcher&Bicycles). Da muss man sich zwar auch dran gewöhnen, weil es sich genau gegenteilig anfühlt (so als ob man in die Kurve „reinfällt“), das ging bei mir aber viel schneller und ist auch viel alltagstauglicher.

Berta, der Lastenrad-Oldtimer

Berta, der Lastenrad-Oldtimer

Streitwagen geschweißt!

eigentlich sollte ich wissen, wie das mit dem Schweißen geht, vor allem als Maschinenbau-Ingenieur, der sogar ein Praxissemester zum Großteil mit schweißen verbracht hat. Seitdem habe ich aber nicht mal mehr ein Schweißgerät gesehen, ganz abgesehen davon, dass ich damals bei Caterpillar auch nur Schweißroboter programmiert habe. Was die dann – außer Funken und Hitze – alles gemacht haben, kann ich gar nicht mehr sagen. Für eines meiner angedachten Projekte müsste ich bald mal auf jeden Fall etwas mehr schweißen. Im Hobbyhimmel, der offenen Werkstatt hier in Stuttgart, gibt es nicht nur die Schweißgeräte, sondern auch Schweißkurse. Also habe ich mich dafür angemeldet und dann auch tatsächlich mal mitgemacht.

Mein „richtiges“ Projekt ist noch nicht ganz fertig konstruiert (das sollte ich eigentlich auch können); aber ich hatte da noch etwas anderes im Hinterkopf. Bei der Initiative freie Lastenräder für Stuttgart gibt es drei größere Fahrrad-Anhänger, auf die man jedoch nicht viel aufladen kann, weil sie einfach nur flach sind. Daher war meine Idee, dort mal ein Gestell/Gerüst/Geländer drauf zu machen, damit man wenigstens mal Banner aufspannen oder Leute draufstellen kann. Außerdem sollte dieses Gerüst in der Lagerung natürlich auch keinen Platz verschwenden. Ich habe mich daher für eine solche „halbe Kiste“ entscheiden. Die Vierkant-Profile habe ich beim lokalen Schrotthändler geholt (natürlich mit Lastenrad und diesem Anhänger) und dann im Hobbyhimmel mal zusammengeschweißt. Sieht für Profis vielleicht nicht supergeil aus, aber ich denke, dass es hält – und das zählt erstmal!

Jetzt noch Bilder.
So sah mein Transport aus (das im Hintergrund ist die Daimler Motorenentwicklung in Untertürkheim). Die bereits zugesägten Profile kann man im Anhänger unter der Decke fast gar nicht erkennen.Transport von Vierkantprofilen per Lastenrad
Und so sieht das Ergebnis aus, ich nenne es in Zukunft vermutlich einfach nur „Streitwagen“. ;~)
geschweißtes Gestell/Gerüst/Geländer