Archiv für den Monat: Juni 2020

Blick in die Elisabethenstraße

öffentlicher Raum

eine Frage, die in Städten immer wieder angekratzt wird, aber nie so richtig beantwortet wird:

Wie wollen wir als Gesellschaft mit dem begrenzten öffentlichen Raum umgehen?

Als Beispiel nehme ich hier mal das kurze Stück der Elisabethenstraße zwischen der Gutbrodstraße und dem Bismarkplatz im Stuttgarter Westen (Karte). Das sind etwa 120m und auf jeder Seite parken je ca. 15-20 Autos. Gleichzeitig sind dort 15 Häuser, die durchgängig sechsstöckig sind. Ohne auf die genaue Wohnsituationen in den einzelnen Häusern einzugehen, sind dort also 90 Wohnungen. Nach den Statistiken der Stadt Stuttgart wohnen im Westen etwa 50% Singles, der Rest sind dann vermutlich Paare oder gar Familien. Eine Schätzung über die tatsächliche Anzahl von Bewohner:innen in dieser kurzen Straße ist für mich als jemand, der dort nicht wohnt, also zum Scheitern verurteilt. Aber ich kann wohl guten Gewissens behaupten, dass es bestimmt mehr als 100 Menschen sind.
Blick in die Elisabethenstraße
Und in dieser Straße steht aktuell die Wanderbaumallee Stuttgart. Diese Wanderbaumallee ist ein Projekt von Stuttgarter:innen, bei dem es um die Diskussion über die Aufteilung des öffentlichen Raums geht. Und natürlich nebenbei auch darum, dass die Beton-, Asphalt- und Steinwüsten in den Städten ansprechender gestaltet werden sollen.
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Screenshot aus den Tagesthemen vom 25. Juni 2020

Tagesthemen

letzte Woche hatte ich einen Anruf bekommen, dass die ARD Tagesthemen einen Bericht über den allgemeinen Fahrradboom machen wollten. Die neuen „PopUp-BikeLanes“, also diese temporären Radspuren als Konfliktpotential in der sog. Autostadt Stuttgart, sollten der Aufhänger dafür sein. Ob ich denn Zeit hätte?
Natürlich mache ich da mit, denn gerade über diese neuen Radspuren – und das Thema Mobilität in Stuttgart – habe ich ja auch eine Meinung. Also überlege ich mir, was ich denn anziehen könnte und habe mich für das neue „OpenBikeSensor“ T-Shirt entschieden. Dann bin dann erstmal seit Monaten wieder zum Friseur gegangen, um die Corona-Matte los zu werden.

Beim Dreh wieder die übliche Warterei und langes miteinander Reden. Natürlich probierte ich, das Redaktionsteam so gut wie möglich zu verstehen, zu informieren und von meiner Sicht auf die Dinge zu überzeugen. Letztendlich sind nach über drei Stunden am Ende gerade mal zwei Sätze rausgekommen. Das, was der Verkehrsexperte aus Karlsruhe sagte, habe ich natürlich auch alles genannt, vielleicht nicht so kompakt und eloquent, wie er es gemacht hat. Vermutlich muss ich da einfach noch ein bisschen mehr üben. Wäre ich in einer Situation, in der ich öfters als alle paar Monate mal mit Presse/TV zu tun hätte, würde ich das ja auch machen. Aber da es immer sehr zufällig ist, vertraue ich da einfach drauf, dass ich mit meinen bisherigen Erfahrungen und das angesammelte Wissen zum Thema durch diese Situationen schon ganz gut durchkomme.
Mit den Sätzen ist das ganze Gespräch auch ziemlich gut zusammengenfasst:

„Es gibt keine Radinfrastruktur, das kann man völlig vergessen. Stuttgart hat Radwege nur alibimäßig, da gibt es kaum was. Man kommt nicht sicher von A nach B! Ich hoffe, sie [d.h. die Stadtverwaltung und die Politik] lernen etwas daraus.“

Screenshot aus den Tagesthemen vom 25. Juni 2020

Screenshot aus den Tagesthemen vom 25. Juni 2020

Der ganze Bericht hat sich nach den völlig unsinnigen Krawallen in der Stuttgarter Innenstadt dann um ein paar Tage verschoben. Nun wurde er jedoch gesendet und ist für ein paar Tage noch in der ARD-Mediathek zu sehen. Als kleine Anekdote dazu: ich hatte in den 90er Jahren tatsächlich mal einen Button, auf dem ein Elefant und der Spruch „Keep Kohl!“ drauf war. Natürlich nicht aus Überzeugung, sondern eher „ironisch“. So schließt sich der Kreis – wenn ich das damals schon gewusst hätte. ;~)

"Schutz" der Radfahrer:innen durch die Stadt

temporäre Radspuren

Berlin hat es vorgemacht: während der Corona-Zeit haben sie alle Pläne zu zukünftigen Radspuren aus den Schubladen gekramt und innerhalb kürzester Zeit umgesetzt. Klar, nur „temporär“, die Abtrennung zum parallel verlaufenden Autoverkehr ist nur schnell mit Baken umgesetzt (hier gibts Bilder dazu). Aber ein guter erster Schritt zur dringenden Neuverteilung des öffentlichen Raums.

Stuttgart hat hingegen wochenlang nichts dergleichen gemacht, obwohl es auch hier schon länger Pläne für eine geschützte Radspur gibt. Zuerst hat der Radentscheid/Zweirat eine dieser neudeutsch „PopUp Bikelanes“ genannten temporären Radspur als Demo angemeldet, hier mehr dazu. Dann hat Greenpeace Stuttgart auch noch eine solche temporäre Radspur als Demo angemeldet, hier mehr dazu. Inzwischen ist Felix Weisbrich, der das Projekt in Berlin verantworet, zu einem regelrechten „Star“ der Verkehrswende geworden, es gibt sogar ein Handbuch für alle deutschen Kommunen, wie man innerhalb von 10 Tagen solche Radwege einrichten kann. Und auch wenn „der deutsche Autofahrer“ sich das nicht vorstellen kann: das ist tatsächlich völlig legal und mit allen Gesetzen vereinbar!
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Geisterradler

nach längerer Home-Office Zeit bin ich heute mal wieder mit dem Rad ins Büro gefahren. Natürlich regnet es seit längerem mal wieder und da ich einen Termin habe, konnte ich nicht das Regenradar auf mögliche Regenlücken beobachten.
An der Stuttgarter Stresemannstraße neben dem Killesbergpark wird gerade „irgendwas für Radfahrende“ gemacht. In dem Fall wird eine farbige Radspur auf den Boden gemalt, eher direkt in die sog. Dooring-Zone (also den Bereich, der wegen aufgehender Auto-Türen nicht mit dem Rad befahren werden sollte).
Die abschüssige Strecke wird aktuell offenbar gerade fertiggestellt und ist voll gesperrt, weder Fußgänger:innen noch Radfahrer:innen dürfen hier weiter.
Baustelle an der Stresemannstraße
Über die ausgeschilderte Umleitung wundere ich mich noch ein bisschen. Wo soll es denn auf der linken Seite weiter gehen?
Dort, auf der anderen Seite der Straße steht tatsächlich ein Schild, das mich auf der Gegenseite weiter führen will.
Baustelle an der Stresemannstraße
Und wenige Meter später ist dann die Überraschung perfekt. Ich soll jetzt offenbar auf diesem schmalen Radstreifen als „Geisterradler“, zwischen links geparkten Autos und dem rechts von mir fahrenden Gegenverkehr hier fahren?
Baustelle an der Stresemannstraße
Dass die Stadt Stuttgart den Radverkehr bis jetzt noch nicht durchdenken kann, hat sie ja schon oft gezeigt. Aber eine solche kapitale Fehlplanung kann doch nicht wirklich ihr ernst sein?
Kann mir bitte jemand sagen, dass ich da irgendwas falsch verstanden oder etwas übersehen habe?

Update: ich habe am nächsten Tag probiert, die Situation nochmal zu analysieren, die Sperrung ist jetzt aber bereits aufgehoben. Das Umleitungsschild auf der gegenüberliegenden Seite stand noch, über den Park habe ich keine Umleitung gesehen.
Allerdings habe ich das Überholverbotsschild mitgenommen und mir gedacht, dass das ja die perfekte Gelegenheit dafür gewesen wäre, natürlich richtig aufgehängt und nicht nur so an der Baustellen-Bake. Die Strecke dort ist leicht abschüssig (laut Strava mit 3%). In Kombination mit Tempo 30 wäre das also überhaupt kein Problem gewesen und eine vernünftige, allererste Nutzung dieses neuen Verkehrsschildes.

Überholverbot einspuriger Fahrzeuge an der Stresemannstraße

Überholverbot einspuriger Fahrzeuge an der Stresemannstraße