Platzverschwendung am Kräherwald

Platzverschwendung in einer Autostadt

wie oft ich schon an dieser Stelle vorbeigefahren bin und es eigentlich immer als gegeben angenommen habe. Auf beiden Seiten ein Gehweg, beide sind für Fahrräder freigegeben, dazu noch je eine Fahrspur pro Richtung und eine Abbiegespur.

die Situation oben am Stuttgarter Kräherwald
Wenn man sich das ganze mal etwas genauer anschaut, kommen doch ein paar Fragen auf: Diese Rad-Freigabe ist relativ neu und ich wundere mich schon seit Anbeginn, wie man nach der großen und lange dauernden Baustelle dort solch einen Mist überhaupt machen konnte. Die Fahrrad-Piktogramme auf dem Gehweg sollen zusätzlich den Eindruck erwecken, dass der recht breite Gehweg ein Radweg sein könnte. Selbst regelmäßigen Rad-Pendler:innen ist oft nicht klar, dass sie dort auf einem Gehweg unterwegs sind, Autofahrer:innen haben davon sowieso keine Ahnung und man wird eigentlich immer angehupt, wenn man dort auf der Straße fährt.

Platzverteilung

Aber ich wollte auf ein anderes Thema raus: Die Platzverteilung.
Hier rechts im Bild ist ein 1,4m breiter Gehweg mit Rad frei Beschilderung. Wozu der da ist, weiß kein Mensch, denn auf dieser Seite der Straße ist absolut wirklich gar nichts und als ich dort heute Vormittag stand fühlte ich mich auf dem schmalen Streifen nicht besonders wohl.
Ich kann mich auch nicht daran erinnern , dort mal Fußgänger:innen oder Radfahrende gesehen zu haben. Das ist auch klar: da ist kein Ziel für Fußgänger:innen und die Radfahrer:innen werden auf der anderen Seite fahren, denn dort können sie ohne die Engstelle im weiteren Verlauf (siehe weiter unten) fahren.
die Situation oben am Stuttgarter Kräherwald
Und von dem Gehweg, der anfangs noch halbwegs breit genug ist, nuschelt sich kurz drauf mehr als die Hälfte einfach so ins Gebüsch weg.
hier nuschelt sich der Gehweg so langsam weg
Der Rest, selbst vermessen, ist 1,4m breit. Das sind also schon mal 1,4m verschenkter Platz!
selbst gemessene 1,4m Gehweg

Und da ich gerade mal beim Ausmessen war, habe ich mal überlegt, wie breit wohl zwei normale Fahrspuren wären. Der Standard ist 2,55m. Bei einer Spur pro Richtung macht das also 5,1m. Also fix das Maßband ausgelegt und am Ende eine Kreidemarkierung gemacht (die rote 2). Die rote 1 ist nur das Maßband auf 1m aufgezogen, damit man einen visuellen Vergleich hat (man kann draufklicken zum Vergrößern).
Was ich alles zufällig dabei hatte….
wie wenig Platz zwei Spuren nur brauchen
Man kann ganz deutlich sehen, dass man hier auf einmal mit dem zur Verfügung gestellten Platz durchaus sinnvoller umgehen könnte, als ihn so zu verschwenden!
Diese Abbiegespur ist vermutlich nicht nötig, entweder biegt man hier eben im fließenden Verkehr ab. Oder – wenn das aus irgendwelchen Gründen nicht gehen sollte – lässt man das freie Linksabbiegen hier am Reiterhof eben sein und muss an der folgenden Ampel umdrehen.

Ein Fakt am Rande: Lieferdienste haben ihre Routensoftware so programmiert, dass sie das Linksabbiegen unter allen Umständen vermeiden. Das spart letztendlich Sprit und verringert die Zahl der Unfälle (eine Quelle).

Man könnte mit den übrigen linken, eigentlich fast zwei ganzen Spuren hier am Kräherwald also problemlos eine superbreite Flanierroute für Fußgänger:innen hinbauen und dazu noch einen sehr breiten, geschützten Radweg ohne den Autoverkehr irgendwie zu beeinträchtigen. Links davon ist der Kräherwald und im weiteren Verlauf dieser Straße kommt dann der Killesberg-Park, der ebenfalls ein Ziel für einen Spaziergang sein könnte – nicht erst jetzt, in den Corona-Zeiten, wo man gerne mal aus dem Haus geht und dabei auch noch viel Abstand halten soll.

Um das nochmal zu verdeutlichen, habe ich etwas gewartet, bis endlich mal Autos vorbei gekommen sind und habe dann nochmal probiert, das mit dem Smartphone zu fotografieren. Links von der Stoßstange des weißen Autos sieht man die 5,1m-Kreidemarkierung und das 1m Maßband ist auch noch auf dem Gehweg zu sehen. Es ist problemlos möglich, den Straßenquerschnitt hier drastisch zu reduzieren! Würde das weiße Auto bisschen weiter links an der Kreidemarkierung fahren, wäre rechts davon absolut genügend Platz für eine weitere Spur.
der Platz ist sehr ungerecht aufgeteilt
Und nochmal ohne Autos, um die ganze Platzverschwendung zu sehen. Der Maßstab-Meter liegt noch auf dem Gehweg, die Kreidemarkierung sieht man ziemlich in der MItte des Bildes. Alles links von dieser Markierung ist Platz, der dem Autoverkehr auf Kosten des Fuß- und Radverkehrs geschenkt wurde. Während die Autos viel zu breite und zu viele Spuren haben, müssen sich die schwachen und ungeschützten Verkehrsteilnehmer an die viel zu engen Ränder quetschen.
Platzverschwendung am Kräherwald

Im weiteren Verlauf der Straße wird es nicht besser. Etwas später kommt dieses Stück. Ich fotografiere hier wieder zurück, bin also einmal an den Parkplätzen vorbei gefahren. Ob die Parkplätze hier überhaupt hingehören wird wohl auch eher in Deutschland diskutiert. Andere Länder sind da schon sehr viel weiter und haben eingesehen, dass der öffentliche Raum kein Parkplatz für das Privateigentum weniger Menschen ist (z.B. in Tokio). Über Parkplätze von geteilten Autos (wie diesem Car2go) kann man natürlich gerne reden.
Nichtsdestotrotz bleiben hier zwei Fahrspuren übrig, die 3,8m, bzw. 3,6m haben. Das ist viel zu viel. Daher kann der Gehweg mit Rad frei hier auf der rechten Seite eben auch nur sehr schmal ausgebaut werden. Hätte man hier 2,3m mehr (die Differenz zu 5,1m, also 2×2,55m), könnte man einen vernünftigen Geh- und Radweg bauen. Mit den zusätzlichen 2m Parkraum sowieso!
viel zu viele Parkplätze im öffentlichen Raum

Nach diesen Häusern sieht es wieder anders aus. Die dritte Spur ist weg, dafür wurden die beiden Spuren viel breiter. Der rechte Gehweg ist immer noch 1,4m breit und ihm sieht man an, dass er nicht genutzt wird. Die 5,1m Kreidemarkierung (fast an der Mittellinie) reicht noch nicht mal in die andere Spur!
auch bei zwei Spuren wird Platz verschwendet!
Was man hier aus dem bisher verschwendeten Raum mit der linken Spur alles machen könnte. Im Querschnitt angeschaut, sieht man ganz deutlich, dass mit einer anderen Aufteilung lediglich nicht mal die Hälfte des Platzes für den Autoverkehr ausreichen würde. Und mit dem Rest könnte man z.B. eine schöne Flanierroute mit diversen Straßenmöbilierungen machen – und sogar noch einen vernünftigen, beidseitigen und geschützten Radweg einrichten.
Platzverschwendung im Querschnitt

Wenn man noch weiter fährt, kommt jetzt sogar eine großflächige Sperrfläche in der Mitte. Das ist komplett verschwendeter Platz. Und die Fußgänger:innen und Radfahrer:innen werden über diesen Parkplatz auf der linken Seite geschickt. Vom ersten Bild bis hier sind es etwa 1,5km, also eine Strecke, die man problemlos in 15-20min laufen kann. Wer das nicht will, kann immer noch mit dem ÖPNV zum Kräherwald kommen. Für diese kurze Strecke muss niemand mit dem Auto hierher fahren.
Sperrfläche und Parkplatz

Nach der Kurve kommt eine Ampel und direkt danach sieht man diese Asphalt-Wüste. Geh- oder gar Radwege sind hier kaum noch vorhanden. Von hier aus geht es in alle Richtungen nur auf einer Spur je Richtung weiter. Wozu man dann diese vielspurige Straße hat, ist ein großes Rätsel und bietet vermutlich genug Stoff für einen eigenen Beitrag.
Mal sehen, wann mir dabei die Augen aufgehen.
Platzverschwendung olé am Killesberg

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